01. Juli 2020

ÖPNV in Corona-Zeiten: Ein Kraftakt für eine gebeutelte Branche

Es ist noch gar nicht lange her, nur wenige Monate, da waren wir auf einem guten Weg hin zu einer Verkehrswende, die den ÖPNV stärker in den Fokus nimmt und Bus und Bahn mit unterschiedlichen Verkehrsträgern intermodal verknüpft. Dann kam die Corona-Pandemie, die sich auf unser aller Alltag auswirkt, auf unser Arbeiten und Lernen, unsere Freizeit und auch in besonderem Maße auf unsere Mobilität. Die Menschen sind deutlich weniger mit Bus und Bahn unterwegs als vor der Krise. Entsprechend hart trifft dies die ganze Branche: Dem Öffentlichen Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen drohen allein in diesem Jahr dramatische Einnahmeverluste in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro. Ohne finanzielle Hilfen des Bundes und einen Rettungsschirm des Landes wird es für viele Branchenakteure schwer werden, die Krise zu überstehen.

ÖPNV leistet einen großen gesellschaftlichen Beitrag

Abstandsregeln, Zugangsbeschränkungen, besondere Anforderungen an die Hygiene, Homeoffice, Kurzarbeit, kein oder nur eingeschränkter Schul- und Universitätsbetrieb, die Absage von Großveranstaltungen sorgen dafür, dass deutlich weniger Menschen mobil sind als noch zu Beginn des Jahres. Die Auswirkungen auf die Fahrgastzahlen sind enorm. Und obwohl das so ist, leistet der Nahverkehr in Deutschland trotzdem seinen gesellschaftlichen Beitrag, hat die Kapazitäten zu keinem Zeitpunkt vollkommen reduziert und Kurzarbeit beantragt. Vielmehr hat er sein Verkehrsangebot aufrechterhalten und ist nach einer kurzzeitigen Reduktion jetzt wieder bei 100 Prozent des Verkehrsangebotes – und das bei weiterhin geringeren Fahrgastzahlen. Entsprechend groß sind die finanziellen Einbußen bei den Verkehrsunternehmen und damit die immensen wirtschaftlichen Auswirkungen auf die gesamte Nahverkehrsbranche.

VRR, NVR und NWL bitten Land um finanziellen Rettungsschirm

Unter diesen Voraussetzungen trotzdem eine Verkehrswende zu ermöglichen, ist eine sehr große Herausforderung. Aber es ist nötig! Denn auch Corona ändert nichts daran, dass eine zukunftsfähige Mobilität in einem so dicht besiedelten Bundesland wie NRW, klima- und umweltfreundlich sein muss. Wir müssen den ÖPNV deshalb stärken und auf die besonderen Anforderungen einstellen, denen Mobilität in diesen schwierigen Zeiten gerecht werden muss. Hierfür benötigen wir zwingend finanzielle Hilfen von Seiten der Politik. Der Bund hat zwar bereits einmalig 2,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um bundesweit die fehlenden Einnahmen zumindest teilweise auszugleichen. Dies wird jedoch nicht reichen, um die gesamte Branche zu stützen. Eine Branche, die einen wesentlichen Teil der Öffentlichen Daseinsvorsorge sichert und für eine verlässliche Mobilität von Millionen Menschen sorgt. In einer Resolution haben sich die politischen Vertreter aller nordrhein-westfälischen Aufgabenträger, die Verkehrsverbünde und Verkehrsunternehmen deshalb an den Ministerpräsidenten Armin Laschet gewendet und bitten um einen Rettungsschirm für den gesamten ÖSPV und SPNV. Andernfalls drohen Leistungskürzungen im Bus-, Bahn- und Schienennetz. Das käme nicht zuletzt im Hinblick auf die dringend benötigte Verkehrswende einer „Rolle rückwärts“ gleich.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen

Das Nahverkehrssystem war bis zur Corona-Pandemie sehr erfolgreich: Die Branche in NRW verzeichnete über Jahre hinweg steigenden Fahrgastzahlen. Im März mit dem Beginn des Lockdowns gingen vielerorts die Fahrgastzahlen um bis zu 90 Prozent zurück. Ab April erholte sich die Situation langsam und die Fahrgastzahlen lagen bei einem Minus von 30 bis 50 Prozent. Gleichzeitig sind die Einnahmen dramatisch eingebrochen: Aktuelle Prognosen gehen von einem Verlust nur für 2020 von einer Milliarden Euro in NRW aus. Mit den vom Land beschlossenen Lockerungen der Corona-Regularien haben sich seit Mai 2020 die Fahrgastzahlen zwar wieder leicht erholt. Allerdings gehen aktuelle Schätzungen davon aus, dass der Nahverkehr im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr noch lange durch Covid 19 beeinträchtigt sein wird. Basis dieser Trendberechnungen sind Online-Befragungen, die die Verkehrsverbünde in NRW kontinuierlich durchführen und die durch externe Studien bestätigt werden.

Der Nahverkehr ist systemrelevant! Und leistungsstark!

Die genannten Zahlen und Prognosen sind selbstverständlich nur Annahmen, basierend auf diversen Variablen, die überprüft und hinterfragt werden müssen. Eines zeigt sich jedoch sehr deutlich: Die Misere der Branche ist groß. Nicht nur im VRR, sondern in allen Teilen Nordrhein-Westfalens und bundesweit. Während Unternehmen, ja ganze Wirtschaftszweige über Wochen Betrieb und Produktion einstellten, waren Busse und Bahnen trotzdem unterwegs, um die Menschen von A nach B zu bringen und vor allem den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in systemrelevanten Berufen den Weg zur Arbeit zu ermöglichen. Als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge fahren sie früh morgens bis spät abends oder nachts, sie bringen uns zur Arbeit, zur Schule, ins Grüne, zu Freunden, zu unserer Familie und wieder nach Hause. Sie fahren in der Hauptverkehrszeit und auch dann, wenn die Nachfrage gering ist. So ermöglicht der ÖPNV allen Menschen in der Region gesellschaftliche Teilhabe und bleibt auch als Wirtschaftsfaktor erhalten. Um es also noch einmal zu betonen: Der Nahverkehr in Deutschland ist systemrelevant und auch in dieser Krise leistungsstark.

Der ÖPNV sichert Mobilität auch zu Zeiten, wenn die Nachfrage gering ist, beispielsweise abends oder nachts.

50.000 Menschen kämpfen für das Vertrauen der Fahrgäste in den Nahverkehr

Mit seinen digitalen Services ist der VRR gut aufgestellt für die neuen Anforderungen an einen verlässlichen und sicheren ÖPNV in Corona-Zeiten.

Wir müssen also abgesehen von finanziellen Hilfen in den nächsten Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren das Vertrauen der Kundinnen und Kunden zurückgewinnen, um die Situation im ÖPNV zu verbessern und denen zu helfen, die von der Krise besonders hart getroffen sind: den Städten und Kreisen als Aufgabenträger für den ÖPNV, Verbundorganisationen, den unter finanziellen Druck geratenen kommunalen Verkehrsunternehmen und Eisenbahnverkehrsunternehmen und allen, die unmittelbar oder mittelbar mit der Branche verbunden sind. Allein in NRW arbeiten für den Nahverkehr über 50.000 Menschen.

Wir als Branche stellen uns auf eine „neue“ Normalität ein – in der Pandemie und auch nach Corona: Wie gelingt es beispielsweise, die Hygiene in Bus und Bahn noch weiter zu verbessern? Wie schaffen wir Raum, damit Fahrgäste leichter Abstand zueinander halten können? Digitale Services, der Einsatz von Technologien zum bargeld- und kontaktlosen Bezahlen, dynamische Echtzeitinformationen zur Auslastung öffentlicher Verkehrsmittel und ein kontinuierliches Monitoring der Verkehrsmittelwahl und des Mobilitätsverhaltens können hier einen wertvollen Beitrag leisten. Und natürlich brauchen wir auch zukünftig ein attraktives Verkehrsangebot und verlässliche Echtzeitinformationen. Als Mobilitätsdienstleister für die Region werden wir uns hierfür gemeinsam mit unseren Partnern in NRW nach Kräften einsetzen und hoffen auf die finanzielle Unterstützung der Landes- und Bundespolitik, um die Folgen der Corona-Krise zu überwinden und das Leistungsangebot im nordrhein-westfälischen ÖPNV halten zu können.

VRR

Von VRR
VRR-Onlineredaktion


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