Pilotvorhaben im SPNV: Mehr Verlässlichkeit für Fahrgäste im Störungsfall
Wer regelmäßig mit RE, RB oder S-Bahn unterwegs ist kennt es: Gestörte Signale, Weichen oder Stellwerke führen oftmals dazu, dass Züge sich verspäten, ausfallen oder über eine andere Strecke umgeleitet werden müssen. Solche Störungen im Bahnverkehr lassen sich nicht vollständig vermeiden, wohl aber besser bewältigen. Ein neues Pilotprojekt im Schienenpersonennahverkehr setzt ab 1. September 2026 genau hier an: Es schafft die Grundlage für stabilere Betriebsabläufe und eine verlässlichere Fahrgastinformation – auch dann, wenn auf wichtigen Strecken im VRR nichts mehr geht.
Wenn umgeleitete Züge zur Überlastung führen
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine wichtige Verkehrsachse wie beispielsweise die Strecke zwischen Bochum und Essen ist durch einen Schaden an der Eisenbahninfrastruktur akut gestört. Alle Gleise sind gesperrt, kein Zug kommt mehr durch. Damit in einer solchen Situation kein Stillstand herrscht oder ein großes Durcheinander entsteht, greifen bereits seit vielen Jahren sogenannte Dispositionskonzepte. Sie legen fest, wie die von der Streckensperrung betroffenen Züge umgeleitet werden können, damit Fahrgäste trotzdem von A nach B kommen.
Im Fall unseres Bochum-Essen-Beispiels heißt das: Die Züge fahren auf einer Ausweichstrecke über Herne und Gelsenkirchen. Dort sind dann nicht nur die umgeleiteten Züge unterwegs, sondern auch die SPNV-Linien, die regulär über Herne und Gelsenkirchen verkehren. Binnen kürzester Zeit ist die Umleitungsstrecke überlastet, die Züge stehen im Stau und verspäten sich immer mehr.
Neuer Ansatz: Weniger Züge – mehr Stabilität
Das neue Konzept setzt genau hier an: Statt möglichst viele Züge über alternative Routen an der Störung vorbeizuschleusen, reduzieren wir gezielt den Verkehr auf der Umleitungsstrecke: Linien mit geringen Sitzplatzkapazitäten enden vorzeitig, Parallelverkehre werden gezielt ausgedünnt. Die so freiwerdenden Trassen schaffen Raum für einen stabileren Betriebsablauf.
Zurück zu unserem Bochum-Essen-Beispiel: Nach dem neuen Ansatz endet der Kurztakt des RE 42 vorzeitig bereits am Recklinghäuser Hauptbahnhof, um die Umleitungsstrecke Herne – Gelsenkirchen zu entlasten. Die Fahrgäste steigen um in den Langtakt des RE 42 in Fahrtrichtung Mönchengladbach oder in den RE 2 nach Düsseldorf.

Wir möchten, dass die Fahrgäste trotz Störung verlässlich von A nach B kommen – auch wenn das für einige Reisende bedeutet, dass sie umsteigen müssen. Ziel ist es, mit weniger Zügen die Umleitungsstrecke zu befahren, um die Pünktlichkeit insgesamt zu verbessern. Hierfür disponieren wir erstmals nicht nur die Züge um, die von der Streckenstörung direkt betroffen sind, sondern auch die Züge auf der Umleitungsstrecke. So bleibt die Verbindung nach Essen erhalten – und zwar planbar, bestenfalls ohne Stau und Verspätungen.
Reisende profitieren von verlässlicherer Fahrgastinformation
Ein stabilerer Betrieb auf Basis eines zwar reduzierten, aber damit verlässlicheren Angebotes im Störungsfall bedeutet auch: Die Fahrgastinformation kann wieder Schritt halten. Denn wenn nicht mehr jede einzelne Zugfahrt individuell disponiert werden muss, sinkt die Belastung in den Leitstellen – sowohl bei den betroffenen Eisenbahnverkehrsunternehmen als auch beim Eisenbahninfrastrukturbetreiber DB InfraGO. Das schafft Freiräume für eine gezielte und verlässliche Kommunikation mit den Fahrgästen.
„Wir haben oftmals das Problem, dass bei Störungen die betrieblichen Auswirkungen so komplex sind und sich auch so schnell ändern, dass die Fahrgastinformation kaum noch nachkommt. Das führt bei den Fahrgästen verständlicherweise zu Frust. Der neue Ansatz bewirkt, dass nicht jede Zugfahrt von der Störung betroffen ist, die verbleibenden Verbindungen verlässlicher unterwegs sind und somit auch besser in den digitalen Auskunftssystemen abgebildet werden können“, sagt Georg Seifert.

Gemeinsam entwickelt, gemeinsam getestet
Das neue Konzept wurde in einer Arbeitsgruppe mit den betroffenen Eisenbahnverkehrsunternehmen entwickelt und wird zunächst auf zwei Strecken pilotiert, um Erfahrungen zu sammeln: Dortmund – Essen und Mülheim an der Ruhr – Essen. Bestehende Dispositionsregeln wurden hierfür angepasst und auch Erfahrungswerte aus der Praxis mit einbezogen. Über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten beobachten wir, wie sich das neue Vorgehen bewährt und ob es sich auf andere Strecken übertragen lässt.
Verlässlichkeit braucht Verbindlichkeit
Damit das neue Konzept funktioniert, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Alle Eisenbahnverkehrsunternehmen müssen die neuen Dispositionsregeln einhalten und auch die Fahrgastinformation entsprechend anpassen. Denn nur wenn Betrieb und Information zusammenpassen, entsteht für die Fahrgäste im Störungsfall ein verlässliches Gesamtbild.