Ansicht von drei Zahnrädern mit den Begriffen Disposition, Baustellenplanung und Fahrgastinformation

22. Februar 2021

Betrieb und Fahrgastinformation müssen wie Zahnräder ineinandergreifen!

In einem dicht besiedelten Gebiet wie dem VRR ist der Schienenpersonennahverkehr (SPNV) wichtig für eine leistungsstarke öffentliche Mobilität: Sieben Eisenbahnverkehrsunternehmen betreiben 20 Regionalexpress-, 19 Regionalbahn- und 12 S-Bahn-Linien und legen dabei im Jahr mehr als 50 Millionen Zugkilometer zurück, damit Sie umweltfreundlich, schnell und sicher von A nach B kommen. In diesem Beitrag erklären wir Ihnen, was wir dafür tun, damit Sie auch bei Störungen im SPNV bestmöglich von A nach B kommen und warum eine umfassende Fahrgastinformation über zuginfo.nrw und die Fahrplanauskunft hierfür so entscheidend ist.

Nachgefragt bei Georg Seifert, Abteilungsleiter „SPNV“ beim VRR

Zahlreiche Unternehmen gestalten gemeinsam den SPNV in der Region – eine Entwicklung, die 1996 mit der Eisenbahnreform begann. Wir haben nachgefragt, was den Regionalverkehr in NRW besonders auszeichnet.

Foto von Georg Seifert, Abteilungsleiter „SPNV“ beim VRR
Georg Seifert, Abteilungsleiter „SPNV“ beim VRR, im Gespräch

Wibke Hinz: Herr Seifert, das Marktumfeld im VRR hat sich in den letzten 25 Jahren deutlich gewandelt: Früher war allein die Deutsche Bahn im Schienennetz mit ihren Fahrzeugen unterwegs. Wie sieht es heute aus?

Georg Seifert: Seit der Regionalisierung des Nahverkehrs und der damit verbundenen Marktöffnung sind zahlreiche weitere Akteure hinzugekommen. Viele Eisenbahnverkehrsunternehmen betreiben heute die Regionalexpress-, Regionalbahn- und S-Bahn-Linien im VRR. Dies hat zu einer deutlich besseren Qualität im SPNV geführt. Dinge, die allerdings früher an einer zentralen Stelle organisiert und abgewickelt wurden, nämlich bei der Deutschen Bahn, verteilen sich jetzt auf viele Schultern. Der Fahrgast erwartet aber nach wie vor einen Regionalverkehr aus einem Guss. Für ihn ist es nicht wichtig, mit welchem Eisenbahnverkehrsunternehmen er unterwegs ist, er möchte nur reibungslos von A nach B kommen – und zwar auch dann, wenn es zu Störungen im Betrieb kommt. Hier werden wir als SPNV-Aufgabenträger in NRW aktiv und führen die relevanten Bereiche wieder zusammen: die Disposition, die Baustellenplanung und die Fahrgastinformation! Dieser Dreiklang ist entscheidend, wenn wir in einem Eisenbahnnetz, dass in unserer Region teilweise zu mehr als 100 Prozent ausgelastet ist, einen leistungsstarken SPNV bieten möchten.

Zusammenspiel von Disposition, Baustellenplanung und Fahrgastinformation

Damit Fahrgäste auch im Fall von Störungen gut an ihr Reiseziel kommen, müssen also drei Bereiche bestmöglich ineinandergreifen: die Disposition, die Baustellenplanung und die Fahrgastinformation. Je mehr handelnde Akteure es gibt, desto wichtiger ist es, dass sich alle Partner*innen eng abstimmen, um für die Fahrgäste ein gutes Ergebnis zu erzielen. Der VRR übernimmt dabei aktiv eine koordinierende Rolle, denn in einem Verbundraum mit mehreren Betreibern muss der Schienenpersonennahverkehr immer als Ganzes betrachtet werden – und eben nicht bezogen auf einzelne Linien oder Eisenbahnverkehrsunternehmen.

Das Ziel: Ein abgestimmter SPNV, damit Sie jederzeit gut ankommen!

An einem Beispiel möchten wir Ihnen deutlich machen, warum die Abstimmung aller Akteure in den unterschiedlichen Bereichen so essenziell wichtig ist:

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Baustein 1: Die Disposition

Disposition – das heißt in unserem Fall: Was können wir tun, um die Mobilität der Fahrgäste bei einer Störung zu sichern. Und zwar nicht bezogen auf eine einzelne Linie, sondern übergreifend über alle betroffenen Linien und Betreiber, um im Interesse der SPNV-Kund*innen wichtige Wegeketten überhaupt aufrecht erhalten zu können. Fragen wie beispielsweise „Welche Linie können wir wohin umleiten?“ „Welche Linien können frühzeitig gewendet oder gebrochen werden, um die verbleibenden Strecken nicht zusätzlich zu belasten?“ spielen dabei eine Rolle. Mittlerweile kommen sogenannte Dispositionshandbücher der DB Netz AG zum Einsatz, die erste Ersatzkonzepte enthalten und grob definieren, was wann in welchem Fall zu tun ist. Diese Regelungen passen die Disponent*innen dann an die jeweils vorliegende Störung individuell an – und zwar immer bezogen auf den SPNV als Ganzes – das spart Zeit und sorgt dafür, dass die Ersatzkonzepte heute zügiger realisiert werden können. 

Mit dem Rhein-Ruhr-Express und der neuen S-Bahn Rhein-Ruhr hat sich die Disposition noch einmal zusätzlich gewandelt. Jedes EVU disponiert zwar nach wie vor seine eigenen Verkehre. Allerdings sind die Eisenbahnverkehrsunternehmen nun vertraglich verpflichtet, sich mit ihrer Disposition in der Betriebszentrale der DB Netz AG niederzulassen, um sich direkt vor Ort unternehmensübergreifend auszutauschen – ein deutschlandweites Novum, von dem der gesamte SPNV und damit auch die Nahverkehrskund*innen profitieren. „Die Mitarbeiter der SPNV-Unternehmen sitzen in Duisburg zusammen, um gemeinsam mit DB Netz möglichst schnell im Sinne der Fahrgäste Entscheidungen zu treffen und den Betrieb möglichst optimal zu disponieren“, erklärt Georg Seifert, Abteilungsleiter SPNV beim VRR. „Im Klartext heißt dies, dass erstmals Wettbewerber bzw. Konkurrenten, Nahverkehr und Fernverkehr an einem Ort intensiv zusammenarbeiten, um für Reisende bestmögliche Lösungen zu finden.“

Baustein 2: Die Baustellenplanung

Hier ist die Situation ähnlich: Als SPNV-Aufgabenträger übernehmen wir die Rolle des Koordinators und Moderators, bringen Eisenbahnverkehrsunternehmen, die von einer Baustelle im Schienennetz betroffen sind, mit der DB Netz AG zusammen, um gemeinsam Ersatzkonzepte zu entwickeln, die die Mobilität der SPNV-Kund*innen sichern. Damit gehen wir aktiv über die Regelungen aus den Verkehrsverträgen hinaus: Denn eigentlich sollen ausfallende Schienenverkehre 1:1 durch Schienenersatzverkehre mit Bussen ersetzt werden. Das ist allerdings nicht immer die beste Lösung. Für den Fahrgast gewinnbringende Lösungen erfordern, dass Ersatzkonzepte zwischen allen Partnern abgestimmt und auch kommunale Verkehrsunternehmen eingebunden werden. „Diese Prozesse kann man nicht in einem Verkehrsvertrag abbilden, sondern nur dann, wenn wir als Besteller der Verkehrsleistungen selbst aktiv werden und die Fäden in die Hand nehmen“, betont Georg Seifert. „Das gelingt uns in NRW inzwischen ausgesprochen gut. Zugegeben: Der Aufwand ist groß. Aber schlussendlich gibt uns der Erfolg recht. Denn unser aller Ziel sind zufriedene Kund*innen. Und Kund*innen sind genau dann zufrieden, wenn sie auch bei großen Baustellen oder Sperrungen mobil bleiben.“ Detaillierte Informationen zum Baustellenmanagement im VRR finden Sie in unserem Magazinbeitrag „Baustellen im SPNV: Wenn Max Maulwurf wühlt, packen alle mit an!“

Baustein 3: Die Fahrgastinformation

Die Fahrgastinformation ist als dritter Baustein das i-Tüpfelchen des gesamten Prozesses. Denn Sie als Fahrgast müssen bei Störungen im Betrieb wissen, was passiert ist und welche Verkehrsalternativen Sie nun haben. Und auch hier gilt: Informiert werden muss übergreifend über alle Linien und Eisenbahnverkehrsunternehmen. Damit das bestmöglich gelingt, haben wir mit zuginfo.nrw eine digitale Plattform geschaffen, in der Sie an einer zentralen Stelle alle wichtigen Informationen finden: Was ist passiert? Welche Streckenabschnitte und Linien sind betroffen? Welche Auswirkungen gibt es? Wie sieht das Ersatzkonzept aus? Wie lang wird die Störungen voraussichtlich dauern? DB Netz und die Disponent*innen der EVU schaffen die betrieblichen Lösungen und die Koordinator*innen für die Fahrgastinformation, die sogenannten KofFi, übersetzen die Lösungen in eine für den Fahrgast verständliche Sprache. Die KofFi sitzen wie auch die Disponent*innen in der Betriebszentrale von DB Netz in Duisburg. Sie erfahren also aus erster Hand, welche verkehrliche Situation es gibt und kommunizieren das Ganze an die Nahverkehrskund*innen. Und zwar meist in mehreren Stufen: Zunächst vermelden die KofFi über zuginfo.nrw, dass eine Störung besteht. Dann folgen weitere Meldungen mit Details zum Ersatzkonzept bis hin zu einem abschließenden Hinweis, wenn der reguläre Betrieb wieder aufgenommen werden kann – und dies EVU-übergreifend über alle Linien, die im betreffenden Streckenabschnitt unterwegs sind. Inzwischen sind vier Eisenbahnverkehrsunternehmen an zuginfo.nrw angeschlossen. Perspektivisch sollen auch die Linien der anderen Betreiber in NRW in das System einbezogen werden.

Zusammenspiel von zuginfo.nrw und Fahrplanauskunft

Parallel zu Störungsmeldungen müssen auch Informationen in die Fahrplanauskunft integriert und die Ersatzverkehre als Echtzeitdaten über die Auskunftssysteme des VRR ausgegeben werden. Georg Seifert vergleicht das Zusammenspiel beider Systeme mit einem Wetterbericht: „zuginfo.nrw zeigt mir als Kunde quasi die Großwetterlage, bevor ich in der Fahrplanauskunft sehe, wie viel es vor Ort regnet. Als Pendler muss ich aber oftmals nur die Großwetterlage kennen und weiß dann, dass ich besser einen Schirm einpacke. Bezogen auf die Fahrgastinformationen im Störungsfall heißt das: Wenn ich täglich mit dem Regionalverkehr unterwegs bin, muss ich nicht zwangsläufig die Fahrplanauskunft bemühen. Es reicht zu wissen, dass ich zwar umgeleitet werde, aber trotzdem an mein Ziel komme. Wichtig ist, dass die Ersatzverkehre und die Kommunikation verlässlich sind.“

Und genau hier schließt sich nach Ansicht von Georg Seifert der Kreis: „Eine bestmögliche Verkehrsplanung im Störungsfall und eine verlässliche Fahrgastinformation entstehen, wenn alle Beteiligten eng zusammenarbeiten, unternehmens- und fachbereichsübergreifend. Genau das haben wir in NRW geschafft, was uns enorm freut. Denn es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Wettbewerber so eng kooperieren, um im Interesse der SPNV-Kund*innen das beste Ergebnis zu erzielen.“

Frau mit Regenschirm wartet am Bahnsteig
Wibke Hinz

Von Wibke Hinz
PR-Redakteurin


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