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13. April 2026

DeutschlandTicket Job als Motor für ein verbessertes ÖPNV-Angebot Wie die Verkehrsbetriebe Solingen und das städtische Klinikum gemeinsam die öffentliche Mobilität stärken

Das Klinikum Solingen ist einer der größten Arbeitgeber der Stadt – zugleich stellt die innerstädtische Lage Beschäftigte wie Arbeitgeber seit Jahren vor große Herausforderungen: wenig Parkplätze und eine ÖPNV-Anbindung, die nicht zu den wechselnden Schichtzeiten des medizinischen Personals passt. Gemeinsam mit den Verkehrsbetrieben Solingen wurde deshalb eine Kooperation auf die Beine gestellt, um die Anbindung des Klinikums mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu verbessern und mit dem DeutschlandTicket Job mehr Krankenhausbeschäftigte für Bus und Bahn zu gewinnen. Im Interview sprechen die Betriebsratsvorsitzende des Klinikums Solingen Katja Scheidtweiler und der Leiter Verkehrsmanagement Vertrieb der Verkehrsbetriebe Solingen Oliver Suhre darüber, wie die Zusammenarbeit entstanden ist, warum die persönliche Beratung der Mitarbeitenden ein zentraler Erfolgsfaktor war und welche Lehren sich daraus für vergleichbare Kooperationen im VRR ziehen lassen.

Der Startschuss für die Zusammenarbeit

Das Klinikum Solingen war bislang nicht optimal an den ÖPNV angebunden, zugleich ist die Parksituation für Mitarbeitende angespannt. Was war aus Ihrer Sicht der entscheidende Impuls für die Zusammenarbeit?

Oliver Suhre: „Ich denke, der entscheidende Impuls war, dass wir das Thema von Beginn an auf höchster Ebene verortet haben. Sowohl bei uns im Verkehrsbetrieb als auch im Klinikum war die jeweilige Geschäftsleitung direkt eingebunden. Das hat den Vorteil, dass man sehr schnell zu einer gemeinsamen Haltung kommt. Der entscheidende Punkt war deshalb weniger eine lange Diskussion über das ‚Ob‘, sondern sehr schnell die Frage nach dem ‚Wie‘. Wie setzen wir unsere Kooperation konkret um? Klar war dabei auch, dass das Klinikum – insbesondere in den Frühschichtzeiten – nicht optimal an den ÖPNV angebunden ist. Genau deshalb bestand auf beiden Seiten ein großes Interesse, zügig zu Lösungen zu kommen und Angebot und Bedarf zusammenzubringen.”

Interview Kooperation Solingen: Oliver Suhre, Leiter Verkehrsmanagement Vertrieb der Verkehrsbetriebe Solingen
Oliver Suhre, Leiter Verkehrsmanagement Vertrieb der Verkehrsbetriebe Solingen

Wie hat sich diese vergleichsweise eingeschränkte Erreichbarkeit mit dem ÖPNV im Arbeitsalltag der Beschäftigten konkret bemerkbar gemacht?

Katja Scheidtweiler: „Die Mitarbeitenden des Klinikums waren häufig auf das Auto angewiesen. Solingen ist räumlich weitläufig, und viele Beschäftigte kommen aus unterschiedlichen Stadtteilen zur Arbeit. Gleichzeitig ist der Platz rund um die Klinik begrenzt. Unser Unternehmen ist in kurzer Zeit stark gewachsen – unter anderem infolge der Krankenhausreformen der letzten Jahre und der Schließung anderer Kliniken. Während anderswo Abteilungen weggefallen sind, haben wir welche dazugewonnen. Durch unsere innerstädtische Lage hat sich daraus sehr schnell ein großer Parkplatzmangel ergeben. 

Umso wichtiger ist für uns eine sehr gute Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr – insbesondere für die Frühschicht sowie an Wochenenden und Feiertagen. Deshalb war es ausgesprochen positiv, dass die Zusammenarbeit mit den Verkehrsbetrieben so reibungslos funktioniert hat. Für die bessere Abbindung des Klinikums wurde die bestehende Buslinie 682 betrieblich angepasst und um einen Halt vor dem Klinikum erweitert.”

Interview Kooperation Solingen: Katja Scheidtweiler, Betriebsratsvorsitzende des Klinikums Solingen, Wibke Hinz, PR- und Onlineredakteurin des VRR (v. l. n. r.)
Katja Scheidtweiler, Betriebsratsvorsitzende des Klinikums Solingen

Oliver Suhre: „Uns war sehr schnell klar, dass beide Seiten voneinander profitieren können. Das Klinikum benötigte zusätzliche Fahrten und eine bessere Anbindung. Und wir als kommunaler Verkehrsbetrieb haben natürlich ebenfalls ein großes Interesse daran, einen „Mobilitätsmagneten“ wie ein Krankenhaus bestmöglich anzubinden. Schließlich fahren dort nicht nur Mitarbeitende hin, sondern auch Besucher:innen und Patient:innen. Eine gute Anbindung wirkt sich damit auch für uns positiv aus, weil sie sich unmittelbar in steigenden Fahrgastzahlen niederschlägt.”

Mehr Angebot braucht eine verlässliche Finanzierung

Fahrplananpassungen sind mit zusätzlichen Kosten verbunden. War die Kooperation in diesem Zusammenhang auch ein Weg, um die Angebotsausweitung wirtschaftlich abzusichern?

Oliver Suhre: „Fahrplananpassungen sind tatsächlich mit Kosten verbunden, weil sie auf vielen Ebenen Mehraufwand bedeuten. Deshalb ist eine Angebotsausweitung für uns als Verkehrsbetrieb auch nie trivial. In diesem Fall haben wir jedoch schnell eine gemeinsame Vereinbarung gefunden: Wenn wir 200 bis 250 neue DeutschlandTicket Job-Abonnements gewinnen, können wir die zusätzlichen Leistungen gegenfinanzieren. Dass sich am Ende deutlich mehr Mitarbeitende für den ÖPNV entschieden haben, hat uns natürlich alle sehr gefreut: Inzwischen konnten wir durch die Kooperation mehr als 550 Beschäftigte des Klinikums für ein DeutschlandTicket Job gewinnen.”

Interview Kooperation Solingen: Oliver Suhre, Leiter Verkehrsmanagement Vertrieb der Verkehrsbetriebe Solingen

Persönliche Beratung als Schlüssel

Was hat aus Ihrer Sicht den Ausschlag gegeben, dass sich so viele Beschäftigte für das DeutschlandTicket Job entschieden haben?

Katja Scheidtweiler: „Der Preis des DeutschlandTicket Job war ein ganz zentraler Faktor, denn der Arbeitgeber beteiligt sich mit einem deutlichen Zuschuss – dadurch wird das Ticket für die Beschäftigten natürlich sehr attraktiv. Außerdem war für viele wichtig, dass sie den Nahverkehr mit dem Ticket, nicht nur für den Arbeitsweg, sondern auch in ihrer Freizeit bundesweit nutzen können. Hinzu kam die intensive persönliche Beratung: Es gab feste Zeiten, zu denen Mitarbeitende des Verkehrsbetriebs mit einem Infostand direkt im Klinikum präsent waren. So konnten sich die Kolleg:innen unkompliziert in ihrer Pause informieren, ohne extra ins KundenCenter fahren zu müssen. 

Viele unserer Mitarbeitenden kommen ursprünglich aus dem Ausland und arbeiten hier im Rahmen eines Anerkennungsverfahrens. Sie durchlaufen also ein formelles Verfahren, um ihre ausländischen Gesundheitsberufs­abschlüsse anerkannt zu bekommen. Für sie war das Jobticket-Angebot oft völlig neu. Der persönliche Kontakt hat enorm geholfen, Sprachbarrieren zu überwinden und sich auch mit den Möglichkeiten vertraut zu machen. Und weil das Beratungsangebot so gut angenommen wurde, kamen die Mitarbeitenden des Verkehrsbetriebs nicht nur einmal, sondern mehrfach zu uns ins Klinikum.”

Oliver Suhre: „Es gab wirklich lange Schlangen an den Infoständen – so groß war das Interesse. Und für meine Kolleg:innen ist es natürlich eine willkommene Abwechslung, das KundenCenter zu verlassen und direkt vor Ort mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.”

Interview Kooperation Solingen: die drei Gesprächspartner:innen
Oliver Suhre, Leiter Verkehrsmanagement Vertrieb der Verkehrsbetriebe Solingen, Katja Scheidtweiler, Betriebsratsvorsitzende des Klinikums Solingen, Wibke Hinz, PR- und Onlineredakteurin des VRR (v. l. n. r.)

Drei Fragen an Katja Scheidtweiler und Oliver Suhre zum DeutschlandTicket Job

Der ÖPNV muss zum Arbeitsalltag passen.

Was muss aus Ihrer Erfahrung für Klinik Mitarbeitende gewährleistet sein, damit sie den Weg zur Arbeit gerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen?

Katja Scheidtweiler: „So banal es vielleicht klingt: Der ÖPNV muss in den Lebens- und Arbeitsalltag passen. Die Beschäftigten müssen sich darauf verlassen können, pünktlich zu Arbeit und nach Feierabend zügig wieder nach Hause zu kommen. Wir haben deshalb gezielt bei den Kolleg:innen nachgefragt, zu welchen Zeiten sie Verbindungen bräuchten, damit sie sich für den ÖPNV entscheiden. Eine Kollegin hat es sehr treffend auf den Punkt gebracht: Wenn die Fahrzeiten zu meinen Dienstzeiten passen, brauchen wir kein zweites Auto. Das ist natürlich der Optimalfall."

Welche Rückmeldungen gab es sonst noch aus der Belegschaft?

Katja Scheidtweiler: „Für viele Mitarbeitende ist das DeutschlandTicket Job ein Zeichen der Wertschätzung durch den Arbeitgeber. Sie haben sehr klar wahrgenommen: Mein Unternehmen tut etwas für mich. Einige Kolleg:innen sind sogar direkt auf uns als Betriebsrat zugekommen, um sich für das schnelle und gute Ergebnis zu bedanken. Und viele freuen sich einfach, ihr Auto stehen lassen zu können, weil sie nun sicher wissen, dass sie zuverlässig mit dem ÖPNV zur Arbeit kommen."
 

Interview Kooperation Solingen: Oliver Suhre, Leiter Verkehrsmanagement Vertrieb der Verkehrsbetriebe Solingen, Katja Scheidtweiler, Betriebsratsvorsitzende des Klinikums Solingen, Wibke Hinz, PR- und Onlineredakteurin des VRR (v. l. n. r.)

Kooperationen auch für kleine Unternehmen möglich

Herr Suhre, Sie haben bereits angesprochen, dass Fahrplanausweitungen für Sie als kommunales Verkehrsunternehmen mit erheblichem Aufwand verbunden sind. Wo liegen aus Sicht die größten Herausforderungen?

Oliver Suhre: „Es fängt schon bei den verfügbaren Informationen an. Als Verkehrsunternehmen wissen wir beispielsweise nicht, welche Schichtzeiten es konkret gibt. Man würde vielleicht annehmen, dass die Arbeit um 7:00 oder 7:30 Uhr beginnt – tatsächlich starten viele aber bereits um 5:30 oder 6:00 Uhr. Solche entscheidenden Details erfahren wir erst im persönlichen Austausch. Für mich ist das ein ganz zentraler Punkt: Wenn wir unser Angebot sinnvoll ausrichten wollen, müssen wir mit Arbeitgebern frühzeitig in den Dialog gehen und ihre Bedürfnisse kennen. Gleichzeitig benötigen wir als kommunales Verkehrsunternehmen eine ausreichende Resonanz – also Menschen, die sich bewusst für den ÖPNV entscheiden und über ihren Arbeitgeber ein DeutschlandTicket Job beziehen. Nur so lassen sich zusätzliche Angebote dauerhaft finanzieren. Deshalb war das klare und frühe Bekenntnis des Klinikums, uns eine gewisse Anzahl an Tickets abzunehmen, wirklich enorm wichtig. Ohne das geht es nicht!”

Das Klinikum ist mit 2.500 Mitarbeitenden ein sehr großer Arbeitgeber. Kleinere Unternehmen könnten ein solches Ticketvolumen kaum erreichen.

Oliver Suhre: „Das stimmt, aber das heißt nicht, dass Kooperationen dann ausgeschlossen sind. In Gewerbe- oder Industriegebieten könnten sich beispielsweise mehrere Unternehmen zusammenschließen und uns ihren gemeinsamen Bedarf mitteilen. Das erleichtert es uns deutlich, das Angebot bedarfsgerecht auszuweiten.”

DeutschlandTicket Job als Faktor im Wettbewerb um Fachkräfte

Der Fachkräftemangel, insbesondere in der Pflege, ist groß. Welche Rolle spielt das DeutschlandTicket Job aus Ihrer Sicht bei der Bindung und Gewinnung von Mitarbeitenden?

Katja Scheidtweiler: „Angesichts hoher Spritpreise, der angespannten Parkplatzsituation und der verbesserten ÖPNV-Anbindung ist das DeutschlandTicket Job definitiv ein Argument für Beschäftigte und Bewerber:innen. Wir erwähnen es daher auch aktiv in unseren Stellenausschreibungen. Hinzu kommt, dass wir als Arbeitgeber so auch interessant für Fachkräfte sind, die nicht in Solingen, sondern weiter entfernt wohnen. Perspektivisch werden so eventuell auch flexiblere Arbeitsmodelle möglich. Denken Sie nur an Ärzt:innen, die ja nicht nur unsere Patient:innen behandeln, sondern auch viel dokumentieren müssen. Solche Arbeiten könnten sie – immer vorausgesetzt, dass sehr genau auf den Datenschutz geachtet wird – zumindest in Teilen unterwegs im Zug erledigen. 

Und schlussendlich ist ein Jobticket auch für junge Menschen ein großer Vorteil, denn in der Ausbildung wachsen die sprichwörtlichen finanziellen Bäume nicht in den Himmel. Viele können sich in dieser Zeit gar kein Auto leisten. Deshalb bin ich überzeugt, dass es einen Unterschied macht, wenn der Arbeitgeber eine kostengünstige Mobilität ermöglicht und gut angebunden ist.”

DeutschlandTicket für Auszubildende unterstützt die Mobilität junger Menschen

Im VRR gibt es erste tarifliche Regelungen, nach denen Auszubildende ein DeutschlandTicket kostenfrei erhalten, vollständig finanziert durch den Arbeitgeber. Wie bewerten Sie diesen Ansatz aus Sicht eines großen Ausbildungsbetriebs?

Katja Scheidtweiler: „Solche Ansätze sollten wir immer fördern. Wenn man einen Schritt weiterdenkt, wären auch Lösungen für Beschäftigte im Niedriglohnsektor wünschenswert, wie beispielsweise Reinigungs- oder Küchenkräfte.”

Oliver Suhre: „Egal, ob als reguläres DeutschlandTicket Job oder als eigene Lösung für Auszubildende: Ich sehe hier wirklich sehr große Potenziale, mehr Menschen für Bus und Bahn zu gewinnen. Aus meiner Sicht sollten wir allerdings den Vertrieb deutlich stärker als bisher zentral organisieren – hier gibt es noch spürbar Luft nach oben. So könnten wir in den Verkehrsunternehmen sicherlich erhebliche Kosten einsparen. Den Ansatz, Beschäftigten über Tarifverträge den Zugang zu klimafreundlicher Mobilität zu eröffnen, halte ich für sehr richtig und wichtig. 

Entscheidend ist dabei, solche Modelle so einfach wie möglich zu gestalten, um die Komplexität für alle Beteiligten zu reduzieren: Fahrgäste müssen unkompliziert zu ihrem Ticket kommen, und Verkehrsunternehmen sollten wir gleichzeitig strukturell entlasten – insbesondere bei Vertrieb und Kundenberatung. Für Auszubildende wäre deshalb eine übergreifende Lösung als Solidarmodell wünschenswert, vergleichbar mit dem Deutschlandsemesterticket.”

Interview Kooperation Solingen: Oliver Suhre, Leiter Verkehrsmanagement Vertrieb der Verkehrsbetriebe Solingen, Katja Scheidtweiler, Betriebsratsvorsitzende des Klinikums Solingen, Wibke Hinz, PR- und Onlineredakteurin des VRR (v. l. n. r.)

Oliver Suhre zum DeutschlandTicket für Auszubildende

Die Rolle der Kommune

Abschließend noch einmal der Blick auf die konkrete Kooperation in Solingen: Welche Rolle hat die Kommune dabei gespielt?

Oliver Suhre: „In unserem Fall in Solingen – und ich gehe davon aus, dass es in anderen Städten und Kreisen im VRR ähnlich ist – können wir als Verkehrsunternehmen nicht allein handeln. Deshalb arbeiten wir immer eng mit der Kommune zusammen. Sie sorgt als ÖPNV-Aufgabenträger dafür, dass sie die Verkehrssituation in ihrem Gebiet insgesamt im Blick behält und keine Insellösungen entstehen. Genau deshalb ist für erfolgreiche Kooperationen entscheidend, dass alle Beteiligten frühzeitig an einen Tisch kommen. Nur so entstehen Lösungen, von denen am Ende alle profitieren. 

Das ist aus meiner Sicht auch deshalb besonders wichtig, weil der ÖPNV Teil der kritischen Infrastruktur ist. Neue Angebote müssen deshalb langfristig tragfähig und verlässlich sein. Nicht nur im Interesse der Fahrgäste, sondern natürlich auch im Interesse von Unternehmen wie dem Klinikum, das großen Wert darauf legt, dass Mitarbeitende, Patient:innen und Besucher:innen zuverlässig mit Bus und Bahn unterwegs sein können. Nicht zuletzt profitieren davon auch die Anwohnenden: Wenn mehr Menschen den ÖPNV nutzen, entlastet das die Straßen, reduziert den Parkdruck und verbessert die Aufenthaltsqualität im direkten Wohnumfeld.”

Wibke Hinz / Sina Dietz

Von Wibke Hinz / Sina Dietz
VRR-Onlineredaktion


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