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28. April 2026

Die Freiheit in der Hosentasche Wie das DeutschlandTicket für Auszubildende Perspektiven eröffnet – für junge Menschen genauso wie für Betriebe

Als das kostenlose DeutschlandTicket für Auszubildende im Elektrohandwerk eingeführt wurde, war Christian Muß zunächst alles andere als begeistert. Erst im Gespräch mit seinen Auszubildenden wurde ihm klar, was das Angebot für junge Menschen tatsächlich bedeutet. Im Interview berichten der Handwerksunternehmer aus Gelsenkirchen und sein Auszubildender Kamil Morawski, warum es beim DeutschlandTicket nicht nur um den Arbeitsweg geht, wie es individuelle Freiheit und Teilhabe ermöglicht und weshalb es für Betriebe ein starkes Signal für ein wertschätzendes Miteinander im Unternehmen ist.

Auszubildende begeistert vom neuen Angebot

Herr Muß, das DeutschlandTicket für Auszubildende ist für die Handwerksbetriebe Neuland. Wie war Ihre erste Reaktion, als das Angebot aufkam?

Christian Muß: „Als ich bei einer Fachverbandstagung erfahren habe, dass es nicht nur eine Tariferhöhung gibt, sondern dass für unsere Auszubildenden zusätzlich noch das DeutschlandTicket ausgehandelt wurde, war ich sehr skeptisch. Nicht ausschließlich wegen der Kosten, denn die sind auf den einzelnen Arbeitstag umgerechnet gar nicht so gewaltig. Sondern aus unternehmerischer Sicht ganz pragmatisch: Welchen Sinn soll das haben – meine Mitarbeitenden kommen sowieso alle mit dem Auto oder mit dem Fahrrad, keiner nutzt den ÖPNV.“

Gab es einen Moment oder Impuls, der Ihre Haltung ins Wanken gebracht hat?

Christian Muß: „Ja, absolut. Das war der Moment, als ich es der Belegschaft verkündet habe, dass der Tarifvertrag vorsieht, dass alle Auszubildenden kostenlos ein DeutschlandTicket zur Verfügung gestellt bekommen. Unser Auszubildender Kamil Morawski kam direkt auf mich zu und sagte mir, wie super er das findet. Dann könne er jetzt endlich nach Hamburg zu seiner Freundin fahren, ohne sich Gedanken über die Kosten machen zu müssen. Das hat mich nachdenklich gemacht.“

Inwiefern nachdenklich?

Christian Muß: „Mir ist in dem Moment bewusst geworden, dass es bei diesem Angebot um weit mehr geht als nur um den Arbeitsweg. Es geht für die jungen Leute insbesondere um ihre Mobilität in der Freizeit, um die Möglichkeit, kostenlos reisen zu können und das soziale Miteinander mit Menschen zu pflegen, die weiter weg wohnen. Das sind Vorteile, die mit dem Arbeitsumfeld überhaupt nichts zu tun haben.“

Interview zum DeutschlandTicket für Auszubildende des Elektrohandwerks: Geschäftsführer Christian Muß
Handwerksunternehmer Christian Muß war anfangs skeptisch, als er vom DeutschlandTicket für Auszubildende des Elektrohandwerks hörte, hat seine Meinung aber grundlegend geändert.

Der Faktor Geld spielt für Auszubildende eine große Rolle

Herr Morawski, erinnern Sie sich noch, was Ihnen durch den Kopf ging, als Sie erfahren haben, dass Ihr Arbeitgeber Ihnen ein für Sie kostenlosen DeutschlandTicket für Auszubildende zur Verfügung stellt?

Kamil Morawski: „In dem Moment habe ich gedacht: Großartig! Einfach nur großartig! Endlich kann ich irgendwo hinfahren, ohne überlegen zu müssen, wie ich das Ticket finanziere. Der Faktor Geld spielt für mich schon eine große Rolle, denn ich zahle von meinem Lohn eine eigene Wohnung und dementsprechend alles, was monatlich anfällt.“

Christian Muß: „Ich habe das Angebot anfangs viel zu sehr aus meinem Mikrokosmos als Unternehmer heraus betrachtet und dabei zu wenig darüber nachgedacht, was ein kostenloses Nahverkehrsticket für einen Auszubildenden bedeutet, der sonst für seine Mobilität immer zahlen muss.“

Interview zum DeutschlandTicket für Auszubildende des Elektrohandwerks: Auszubildender Kamil Morawski und Geschäftsführer Christian Muß (v. l. n. r.)
Kamil Morawski (links im Bild) erhält das DeutschlandTicket kostenlos von seinem Arbeitgeber und muss sich keine Gedanken mehr machen, wie er ein Ticket finanziert.

Mit dem DeutschlandTicket Neues erkunden

Herr Morawski, was haben Sie mit Ihrem DeutschlandTicket denn schon unternommen?

Kamil Morawski: „Ich hatte vor Ostern eine Woche Urlaub und war fünf Tage lang in ganz NRW unterwegs. Das war einfach super, weil ich Regionen entdeckt habe, die ich vorher noch nicht kannte. Und im Sommer fahre ich, wie Herr Muß gerade schon gesagt hat, nach Hamburg und besuche meine Freundin.“

Nutzen Sie in den ÖPNV auch für Ihren Arbeitsweg?

Kamil Morawski: „Ich wohne ungefähr fünf Kilometer vom Betrieb weg und bin diesen Weg von jeher mit dem Fahrrad gefahren, weil ich kein Auto besitze. Das hat sich mit dem DeutschlandTicket nicht geändert. Aber es ist super, dass ich jetzt auch spontan auf den Bus umsteigen kann – beispielsweise bei einem Unwetter oder einfach, wenn es stark regnet und ich auf dem Rad nicht nass werden möchte.“

Interview zum DeutschlandTicket für Auszubildende des Elektrohandwerks: Auszubildender Kamil Morawski
Kamil Morawski war in seinem Urlaub mit dem DeutschlandTicket fünf Tage in NRW unterwegs.

Arbeitgeber ermöglicht flexible Mobilität

Lassen Sie uns noch einmal kurz auf das Thema Kosten kommen: Hätten Sie sich das DeutschlandTicket selbst leisten können, wenn es nicht Bestandteil des Tarifvertrages wäre?

Kamil Morawski: „Ich habe in meinem ersten Lehrjahr darüber nachgedacht, mir ein DeutschlandTicket zu besorgen – und habe wirklich lange hin und her überlegt, ob ich es mache. Letztlich habe ich mich dagegen entschieden, weil es für mich einfach zu teuer war. Ohne die Unterstützung von meinem Arbeitgeber hätte ich es bis heute nicht.“

Interview zum DeutschlandTicket für Auszubildende des Elektrohandwerks: VRR-Redakteurin Wibke Hinz (links) und Auszubildender Kamil Morawski
Ohne die Unterstützung von seinem Arbeitgeber hätte Kamil Morawski das DeutschlandTicket bis heute nicht.

DeutschlandTicket als Bestandteil des Tarifvertrags: Elektrohandwerk als Vorreiter

Herr Muß, inwiefern zahlt das DeutschlandTicket aus Ihrer Sicht auf die Arbeitgeberattraktivität und Fachkräftegewinnung ein?

Christian Muß: „Das kann ich aktuell nicht richtig beurteilen, weil das Angebot relativ neu ist – es hat sich aus meiner Sicht bislang noch nicht genug rumgesprochen. Unser Fachverband kümmert sich zwar um Werbung und wir selbst informieren auch über unsere Website – aber da ist sicherlich noch Luft nach oben. Wenn ich mich mit Handwerkern anderer Gewerke austausche, weise ich immer sehr offensiv darauf hin, dass das DeutschlandTicket für Auszubildende Bestandteil unseres Tarifvertrags ist. Und einige haben auch schon signalisiert, dass sie sich das ebenfalls gut vorstellen könnten. Ich freue mich sehr, dass wir die ersten waren! Und hoffe gleichzeitig, dass sich auch andere Branche einem solchen Modell öffnen.“

Interview zum DeutschlandTicket für Auszubildende des Elektrohandwerks: Geschäftsführer Christian Muß
Christian Muß freut sich, dass das Elektrohandwerk mit gutem Beispiel voran geht.

Junge Menschen profitieren von größerem „Mobilitätshorizont“

Welchen Beitrag kann oder sollte das Handwerk Ihrer Ansicht nach zu einer klimafreundlicheren Mobilität leisten?

Christian Muß: „Ich freue mich natürlich, wenn unsere Mitarbeitenden den ÖPNV nutzen und damit einen kleinen Beitrag leisten. Für uns als Betrieb ist das aber sehr viel schwieriger, weil wir zwangsläufig mit unseren Firmenfahrzeugen zu unseren Kundinnen und Kunden fahren müssen. Der für mich persönlich viel relevantere Punkt ist, dass sich mit einem größeren Mobilitätshorizont auch der persönliche Horizont unserer Auszubildenden erweitert: Reisen – und wenn es auch nur in Deutschland ist – schafft immer neue Eindrücke, von denen insbesondere junge Menschen sehr profitieren.“

Herr Morawski, spielt der Klimaschutz für Sie persönlich eine Rolle, wenn es um Mobilität geht?

Kamil Morawski: „Ich fahre täglich Fahrrad – umweltfreundlicher kann ich kaum mobil sein. Insofern spielt für mich der Klimaschutz bei der Entscheidung für Bus und Bahn keine große Rolle.“

Gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe

Was würden Sie Tarifpartnern anderer Branchen oder anderen Handwerksbetrieben sagen, die noch zögern, ein solches Angebot im Tarifvertrag zu berücksichtigen und für Auszubildende einzuführen?

Christian Muß: „Mit meinem Wissen von heute würde ich ihnen sagen: Macht nicht den gleichen Fehler wie ich, zu pragmatisch an das Thema heranzugehen. Sie sollten sich vielmehr bewusst machen, dass das DeutschlandTicket für junge Menschen mehr individuelle Freiheit bedeutet. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich früher mit einem Interrail-Ticket in Europa unterwegs war. Ich bin einfach hingefahren, wo ich immer schon mal hinwollte. Das kann man sicherlich nicht 1:1 vergleichen, weil Interrail ja die Möglichkeit bietet, Europa zu erkunden. Aber deutschlandweit jederzeit flexibel mobil sein zu können, ohne sich über die Kosten Gedanken machen zu müssen, ermöglicht gesellschaftliche und auch kulturelle Teilhabe – ein enormer Mehrwert. Wenn ich es als Unternehmer meinen Auszubildenden ermöglichen kann, dass sie mit dem DeutschlandTicket quasi ihre mobile Freiheit in der Hosentasche haben, dann ist das wirklich eine tolle Sache.“

Wie bewerten Sie die Idee, ein bundesweit einheitliches DeutschlandTicket für Auszubildende als Solidarmodell einzuführen – vergleichbar mit dem Deutschlandsemesterticket?

Christian Muß: „Ich finde die Idee gut, weil ein Solidarmodell helfen würde, eine handwerkliche oder industrielle Ausbildung und eine akademische Ausbildung endlich als gleichwertig anzuerkennen und Auszubildende nicht strukturell zu benachteiligen.“
 

Wibke Hinz

Von Wibke Hinz
PR- und Online-Redakteurin


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