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01. Juni 2026

Bundesweite ÖPNV-Auskünfte: Was Fahrgäste sehen – und was dahintersteckt Warum DELFI die Zukunft verlässlicher Fahrgastinformationen ist

Fahrgastinformationen entscheiden heute oft darüber, ob Menschen den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nutzen – oder es bleiben lassen. Was für Fahrgäste selbstverständlich wirkt, ist im Hintergrund das Ergebnis hochkomplexer technischer, organisatorischer und rechtlicher Prozesse. Mit dem DeutschlandTicket hat sich diese Komplexität noch einmal deutlich erhöht: Fahrgäste erwarten bundesweit verlässliche Informationen – unabhängig davon, welche App sie nutzen oder wo sie unterwegs sind. Wie sich diese Erwartungen erfüllen lassen, welche Rolle das Netzwerk des DELFI e.V. dabei spielt und warum es bei der Fahrgastinformation nicht allein um Daten, sondern vor allem um Qualität, Prozesse und Zusammenarbeit geht, erläutert Sefa Tasdemir, Vorstandsvorsitzender des DELFI e.V., im Interview. Ein Gespräch über den National Access Point des Bundes – die Mobilithek –, die Folgen unkoordinierter Datenwelten und darüber, warum gute Fahrgastinformation immer an der Quelle beginnt.

Interview mit Sefa Tasdemir, Vorstandsvorsitzender des DELFI e.V.

Lieber Sefa, eure Arbeit ist hochgradig technisch – für mich und wahrscheinlich viele Leser:innen schwer zugänglich. Lass uns deshalb bitte ganz vorn beginnen. DELFI verbindet Länder, Verbünde, Unternehmen, Mobilitätsanbieter und -Plattformen. Worauf zielt die Zusammenarbeit im Netzwerk und wo liegt aus deiner Sicht der größte Mehrwert?

DELFI ist ein Kooperationsnetzwerk für den Datenaustausch aller Bundesländer und weiterer Partner. Gemeinsam schaffen wir somit die technischen Voraussetzungen für eine länderübergreifende, deutschlandweite Fahrgastinformation. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Bereitstellung von Verkehrsdaten auf nationaler und internationaler Ebene.

Konkret erfüllen wir mit DELFI die gesetzlichen Anforderungen für die ÖPNV-Daten rund um den sogenannten National Access Point (NAP). Nach EU-Recht sind alle Mitgliedsstaaten verpflichtet, einen solchen nationalen Zugangspunkt bereitzustellen, über den elektronische Daten des öffentlichen und individuellen Verkehrs bereitgestellt werden müssen. Seit Ende 2019 gilt diese Pflicht für Fahrplandaten, später kamen Echtzeitdaten hinzu – und zwar in einem europaweit standardisierten Format. Leider ein Format, das in Deutschland kaum ein Verkehrsunternehmen und auch kein Verbund einsetzt.

Porträt Sefa Tasdemir

Was bedeutet diese Pflicht denn konkret für Verkehrsunternehmen – und wo liegen dabei die Herausforderungen?

Würde jedes Unternehmen die gesetzlichen Vorgaben selbst umsetzen, müsste es Lizenzen erwerben, zusätzliches Personal einstellen, regelmäßig Daten exportieren und die Datenqualität des Exports prüfen. Gleichzeitig entstünden hunderte einzelne Datenlieferungen. Nehmen wir nur mal unseren VRR-Raum mit den dort ansässigen Verkehrsunternehmen: Wenn eine Haltestelle von drei kommunalen Verkehrsunternehmen und zwei Eisenbahnverkehrsunternehmen angefahren wird, dann taucht diese Haltestelle in fünf Datenlieferungen auf – und zwar weder konsolidiert noch harmonisiert. Das heißt, kein Mensch könnte mit diesen Daten tatsächlich etwas Sinnvolles anfangen.

Hier liegt der Mehrwert von DELFI: Wir fungieren als zentraler Integrator, Koordinator und Qualitätssicherer für Daten im Öffentlichen Personennahverkehr. Wir halten deutschlandweit alle relevanten Daten, bündeln sie und stellen sie gesetzeskonform bereit. So sparen wir der Branche Millionen an Investitions- und Betriebskosten und erreichen gleichzeitig eine deutlich höhere Datenqualität.

Fahrgastinformation gilt heute vielen als selbstverständlich. Warum ist sie trotzdem zu einem Schlüsselthema geworden?

Weil sie der erste Kontaktpunkt mit dem Öffentlichen Personennahverkehr sind – und damit auch die erste Hürde. Stell dir Menschen vor, die bisher immer mit dem Auto gefahren sind. Sie wissen weder etwas von der VRR App noch von den Apps der Verkehrsunternehmen. Diese Menschen suchen Informationen dort, wo sie ohnehin unterwegs sind, etwa über Suchmaschinen. Wenn wir neue Fahrgäste gewinnen und den Modal Split zugunsten des ÖPNV verschieben wollen, dann müssen wir unsere Informationen in externe Plattformen bringen – also genau dorthin, wo potenzielle Kund:innen sich aufhalten.

Haben sich die Erwartungen der Fahrgäste an verlässliche Informationen mit dem DeutschlandTicket noch einmal verändert?

Ja, und zwar sehr deutlich. Bislang war es üblich und auch von den Fahrgästen so kennengelernt, dass Apps verbund- und maximal landesweite Tickets verkaufen und entsprechend auch nur für diesen Geltungsbereich Auskünfte liefern. Mit dem DeutschlandTicket hat sich das quasi über Nacht geändert. Sämtliche Apps verkaufen nun das bundesweit gültige Ticket, sind aber meist nicht in der Lage, bundesweite Auskünfte bereitzustellen.

Ein Beispiel: Wer in Potsdam lebt und ein Wochenende in Nürnberg verbringt, kann über seine gewohnte App keine Verbindungsauskünfte für Nürnberg abrufen. Mit einer Anbindung an DELFI ist das möglich – ohne dass das Verkehrsunternehmen selbst bundesweite Server  und Rechenkapazitäten vorhalten muss. Wir sprechen hier von „Delegation“: Liegt eine angefragte Verbindung außerhalb des eigenen Verkehrsgebietes, kann sie über eine Schnittstelle im Hintergrund an DELFI „delegiert“, also weitergegeben werden. Der Fahrgast bekommt davon nichts mit. Für Verkehrsunternehmen bedeutet es aber deutlich weniger Aufwand und wesentlich geringere Kosten. Denn die Verkehrsunternehmen müssen lediglich ihre Apps als Schnittstelle zu den Kund:innen vorhalten, die intelligenten Hintergrundsysteme für deutschlandweite Auskünfte liegen bei uns. Und das übrigens nicht nur für den Schienenpersonennahverkehr, sondern auch für den kommunalen Nahverkehr in den Städten und Kreisen. Meines Wissens ist die VRR App aktuell die einzige App in Deutschland, über die Fahrgäste bundesweite Fahrplan- und Echtzeitinformationen abrufen können.

Was ist mit dem DB Navigator? Die App der Deutschen Bahn bietet doch auch bundesweite Auskünfte.

Ja, das stimmt. Aktuell ist es aber noch so, dass die Auskunftssysteme der Deutschen Bahn und unsere Apps auf verschiedene Datenquellen zugreifen. Das führt dazu, dass Fahrgäste teilweise unterschiedliche Informationen erhalten – je nachdem, über welche App sie sich informieren.

Ziel sollte sein, dass künftig jeder Akteur das tut, was er am besten kann: Die Deutsche Bahn konzentriert sich auf Schienenverkehrsdaten, DELFI auf die übrigen Verkehrsarten. Beides fließt in eine gemeinsame Datenbasis ein, aus dem die Fahrgastinformationen dann gezogen werden. Unser Ziel muss ein sogenannter „Single Point of Truth“ bei den Daten sein, also ein Datenbestand, der korrekt ist und auf den man sich verlassen kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Datenqualität branchenweit nach denselben Kriterien und Gewichtungen bewertet wird.

Bei der DELKO 2026 wurde dafür ein Memorandum of Understanding (MoU) verabschiedet. Was steckt dahinter?

Bisher wurde unter Vernetzung vor allem die Vernetzung von Daten verstanden. Das ist natürlich wichtig, reicht aber nicht aus. Entscheidend ist, dass wir auch Organisationen, Prozesse und Akteure besser verzahnen. Stell dir folgendes Bild vor: Wir möchten ein Konzert spielen und haben dafür die besten Musiker gewonnen. Leider bringen sie alle ihren eigenen Dirigenten mit und es entsteht kein harmonisches Zusammenspiel. Genau das ist die Schwierigkeit in der Fahrgastinformation: Wir haben viele Akteure mit jeweils einer hohen Expertise – aber bislang ohne verbindliche übergreifende Steuerung.

Mit dem MoU planen wir u. a., ein übergeordnetes Entscheidungsgremium auf den Weg zu bringen, in dem die unterschiedlichen Akteure zusammenarbeiten und auf Basis fest definierter Kriterien und Prozesse gemeinsame Lösungen erarbeiten, damit es eine einheitlich hohe Datenqualität und keine Brüche an den Systemgrenzen gibt.

Warum ist es wichtig, sich nicht nur Kriterien, sondern auch die Prozesse anzuschauen?

Weil Qualität immer an der Quelle entsteht – also dort, wo Verkehrsunternehmen ihre Daten erfassen und ins System einspeisen. Wenn hier Fehler passieren, lassen sie sich später kaum noch korrigieren. Heute erkennen wir Probleme oft erst sehr spät, wenn Daten bereits mehrere Systemstufen durchlaufen haben, wenn sie also vom Unternehmen über die Verbund- und Landessysteme bis zu DELFI gekommen sind.

Künftig wollen wir festlegen: Daten dürfen erst geliefert werden, wenn definierte Kriterien erfüllt sind. Das Prinzip kennt jede:r aus dem Alltag: Wenn Pflichtfelder beim Onlinekauf fehlen oder falsch sind, lässt sich die Bestellung nicht abschicken. Genau dieses Prinzip wollen wir auf Datenlieferung von Fahrplan- und Echtzeitdaten übertragen.

Wenn du fünf Jahre nach vorn blickst: Woran würdest du erkennen, dass wir bei der Fahrgastinformation wirklich einen Schritt weitergekommen sind?

Daran, dass alle Auskunftssysteme und Drittplattformen deutschlandweite Informationen aus gemeinsamen Datenquellen beziehen – mit durchgängigen Angaben zu Tarifen, Auslastung und Störungen. Die Darstellung kann je nach Zielgruppe unterschiedlich sein, die Datenbasis aber ist überall dieselbe.

Ich kann beispielsweise in Anwendungen für mobilitätseingeschränkte Menschen, die auf einen barrierefreien Zugang angewiesen sind, andere Schwerpunkte setzen als in Anwendungen für Personen, die gern ihr Fahrrad mit in Bus und Bahn nehmen möchten. Pendler:innen wiederum haben andere Informationsbedürfnisse als Kinder oder ältere Menschen. Wichtig ist, dass die kommunizierten Informationen vollständig, korrekt und damit auch verlässlich sind.

Wir stellen diese Daten diskriminierungs- und kostenfrei bereit, um Innovationen zu ermöglichen. Je nach Nutzung können jedoch Infrastrukturkosten für Serverkapazitäten, das Hosting der Systeme etc. anfallen. Das wäre für die Anwender trotzdem allemal günstiger, als wenn sie sich selbst um Hosting, Wartung, Datenpflege, Lizenzen und Personal kümmern müssten – und das alles für eine auf Anhieb funktionierende deutschlandweite Fahrgastinformation.

Du hattest es ja vorhin schon gesagt: Für unsere Kund:innen sind Fahrgastinformationen eine Selbstverständlichkeit. Die Selbstverständlichkeiten von heute sind das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Aktuell arbeiten wir im VRR und im DELFI-Netzwerk intensiv an den Selbstverständlichkeiten von morgen.
 

Weitere Informationen zu DELFI gibt es auf der Website vom DELFI e.V.
Wibke Hinz

Von Wibke Hinz
PR- und Online-Redakteurin


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