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16. März 2026

„Ich würde gern Brücken bauen!“ Ein Gespräch mit dem neuen VRR-Verbandsvorsteher Christoph Gerwers

Seit dem 25. Februar 2026 ist Christoph Gerwers Verbandsvorsteher und Vorsitzender des Verwaltungsrates im VRR. Im Interview spricht der Landrat des Kreises Kleve über seine Motivation, den Öffentlichen Personennahverkehr im VRR politisch mitzugestalten, über die zentralen Herausforderungen der Branche und über die Bedeutung einer verlässlichen öffentlichen Mobilität – für Städte ebenso wie für ländliche Räume und den Klimaschutz. Zudem erläutert er, wie er als Brückenbauer die Zusammenarbeit aller Akteure weiter stärken möchte. Viel Freude beim Lesen!

Im Gespräch mit Christoph Gerwers

Lieber Herr Gerwers, seit 25. Februar 2026 sind Sie der neue Verbandsvorsteher und Vorsitzende des Verwaltungsrates im VRR. Was ist Ihnen in dieser Rolle besonders wichtig und welche Schwerpunkte möchten Sie in den nächsten fünf Jahren setzen?

Ich habe mich nicht aktiv um das Amt bemüht, aber die Aufgabe ist herausfordernd und reizt mich. Wenn ich als Verbandsvorsteher dazu beitragen kann, dass beispielsweise die Menschen aus dem ländlichen Raum mit dem ÖPNV verlässlich in den urbanen Bereich kommen, mache ich das gerne. Ich bin davon überzeugt, dass wir es mit einem ganz wichtigen Zukunftsthema zu tun haben – nämlich mit der Frage, wie es uns gelingt, die Mobilität der Menschen dauerhaft und nachhaltig zu gewährleisten. Und zwar nicht nur im VRR und in Nordrhein-Westfalen, sondern bundesweit und darüber hinaus. 

Als Landrat des Kreises Kleve ‒ und damit als Vertreter eines ländlichen Kreises ‒ habe ich natürlich ein großes Interesse daran, insbesondere die Menschen in den ländlichen Regionen mit einer besseren Mobilität zu versorgen. Das motiviert mich, als Verbandsvorsteher im VRR mitzuarbeiten. In Nordrhein-Westfalen leben etwa elf Millionen Menschen im ländlichen Raum und ungefähr sieben Millionen in urbanen Gebieten. Aus meiner Sicht ist es eine wichtige Aufgabe für einen Verbandsvorsteher, mit dafür zu sorgen, dass die Mobilität in der Stadt und auf dem Land funktioniert – mit einem stabilen, zuverlässigen und pünktlichen Öffentlichen Personennahverkehr.

Stabil, zuverlässig, pünktlich – Sie sprechen vollkommen zurecht die Erwartungen an, die unsere Fahrgäste an den ÖPNV haben. Welche Themen liegen Ihnen mit Blick auf die Bedürfnisse unserer Kund:innen besonders am Herzen?

Ich bin überzeugt davon, dass sehr viele Menschen lieber mit Bus und Bahn als mit dem Auto zur Arbeit fahren würden, sofern sie dies denn komfortabel könnten. Fakt ist aber, dass sie immer noch mit dem Pkw unterwegs sind – und das meistens auch allein. Schauen Sie auf die Straßen: Der Verkehr nimmt immer mehr zu, nicht zuletzt auch der Güterverkehr mit Lkw. Wir müssen also zwangsläufig Lösungen finden, um die Menschen für einen Umstieg auf den ÖPNV zu begeistern. Dafür benötigen wir ein verlässliches und stabiles Angebot, das für die Fahrgäste einfach nutzbar ist. DeutschlandTicket und eezy.nrw erleichtern den Zugang zum ÖPNV, weil Fahrgäste sich keine Gedanken mehr darüber machen müssen, welches Ticket das richtige für sie ist. 

Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass die Verbindungen für die Fahrgäste gut funktionieren. Wir haben aktuell einen enormen Investitionsstau im Eisenbahnnetz. Deshalb sind Strecken oftmals baustellenbedingt komplett gesperrt. Wir müssen auch in solchen Fällen dafür sorgen, dass Nahverkehrskundinnen und -kunden mit dem Schienenersatzverkehr gut und sicher an ihr Ziel kommen. Sonst verlieren wir sie und müssen sie mühsam wieder für Bus und Bahn zurückgewinnen.

Der VRR ist einer der größten Verkehrsverbünde Europas. Welche Verantwortung ergibt sich daraus aus Ihrer Sicht – auch im Hinblick auf eine nachhaltige Mobilität und den Klimaschutz?

Die Mobilitätswende ist für den Klimaschutz ein entscheidender Faktor. Jedes Auto, das nicht fährt, belastet auch die Umwelt nicht. Wir müssen es also schaffen, dass die Menschen mehr und lieber mit Bus und Bahn fahren als mit dem Auto. Die Fahrt mit dem Auto ist heute oftmals noch die Regel, weil zuverlässige Alternativen fehlen. Daher ist es essenziell wichtig, dass sich die Menschen auf den ÖPNV verlassen können. Als Pendler möchte ich beispielsweise sicher sein, dass ich morgens pünktlich bei meiner Arbeitsstelle ankomme, dass ich Termine wahrnehmen kann und dass ich im Zug arbeiten oder in Ruhe die Zeitung lesen kann.

Der ÖPNV steht vor großen Herausforderungen – von der Finanzierung über den Fachkräftemangel bis hin zur Angebotsqualität. Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf und wie können wir den Herausforderungen strategisch begegnen?

Die Herausforderungen, denen wir als Verbund begegnen müssen, sind überall vorhanden. Mit dem Fachkräftemangel haben öffentliche Verwaltungen und Unternehmen der freien Wirtschaft gleichermaßen zu kämpfen. Alle stellen sich die gleichen Fragen: Wie schaffen wir es, die Menschen gut auszubilden? Wo sind die jungen Leute, die wir als Arbeitskräfte für uns gewinnen wollen und wie bringen wir sie in Kontakt mit den Unternehmen?

Ich höre immer wieder von jungen Leuten, dass ihnen das Auto nicht mehr so wichtig ist wie früheren Generationen. Sie fahren gern mit „Öffis“ zum Studienort, zum Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Dieses Momentum müssen wir als Branche für uns nutzen und die jungen Leute nicht nur für uns gewinnen, sondern auch für die Idee, eine nachhaltige und zukunftsfähige Mobilität als Mitarbeitende aktiv mitzugestalten.

Der VRR und die Öffentliche Mobilität in unserer Region leben von einer erfolgreichen Zusammenarbeit vieler Akteure: Kommunen, Verkehrsunternehmen, die politischen Gremien und die Verwaltung. Welche Rolle möchten Sie als Verbandsvorsteher einnehmen?

Ich würde gerne Brücken bauen! Denn es ist wichtig, dass wir die unterschiedlichen Interessen im VRR unter einen Hut bringen: Kreisfreie Städte in Ballungsräumen haben einen anderen Bedarf als eher ländlich geprägte Kreise oder auch unsere Verkehrsunternehmen. Diese Vielfalt zu vereinen, ist eine „Herkulesaufgabe“ – aber zwingend notwendig, wenn wir einheitliche Standards schaffen und die Menschen mit einer attraktiven Mobilität versorgen wollen. Hierzu möchte ich gern als Verbandsvorsteher meinen Teil beitragen.

Sie arbeiten künftig eng mit dem Vorstandssprecher der VRR AöR Oliver Wittke zusammen. Was ist Ihnen in dieser Zusammenarbeit besonders wichtig – und wie ergänzen sich aus Ihrer Sicht politische Steuerung und operative Verantwortung?

Oliver Wittke gestaltet als VRR-Vorstandssprecher gemeinsam mit dem VRR-Team das operative Geschäft des VRR und ist als ehemaliger Verkehrsminister natürlich in Politik und Branche ausgesprochen gut vernetzt. Meine Rolle sehe ich darin, diese operative Arbeit politisch zu begleiten und dafür zu sorgen, dass die Städte und Kreise den Weg mitgehen. Ich möchte die Kommunen von der Idee überzeugen, dass wir die Verkehrswende nur gemeinsam zum Erfolg bringen können.

Gestatten Sie uns abschließend eine persönliche Frage: Was motiviert Sie an Ihrer Aufgabe und was möchten Sie am Ende Ihrer Amtszeit als Verbandsvorsteher erreicht haben?

Ich möchte, dass in fünf Jahren „Schiene.NRW“ als landesweiter Aufgabenträger für den Schienenpersonennahverkehr auf einem guten Weg ist. Ich glaube, aktuell ist es die größte Herausforderung, die unterschiedlichen Interessen in den nordrhein-westfälischen Verkehrsverbünden unter einen Hut zu bringen. Das muss uns im Interesse der Nahverkehrskundinnen und -kunden und im Hinblick auf eine verbesserte Effizienz des Gesamtsystems gelingen. 

Und natürlich ist es mein Wunsch, dass die Züge verlässlich fahren und insbesondere die ländlichen Regionen zuverlässig an die Ruhrgebietsstädte und Ballungszentren anbinden – in einem für unsere Fahrgäste angenehmen Umfeld mit qualitativ hochwertigen und gut ausgestatteten Fahrzeugen. Wenn das am Ende meiner Amtszeit zumindest in großen Teilen gewährleistet ist, dann haben wir schon eine Menge erreicht.

Wibke Hinz

Von Wibke Hinz
PR- und Online-Redakteurin


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