Zwischen Reformdruck und neuer Verantwortung Die VDV-Jahrestagung in Karlsruhe zeigt, wie stark sich die Rolle des ÖPNV wandelt – und warum die Branche jetzt klare Perspektiven braucht
Die VDV-Jahrestagung 2026 führte die Branche vom 10. bis 12. Juni 2026 nach Karlsruhe – in eine Stadt, die ihr Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup selbstbewusst als „Wiege der modernen Mobilität“ beschreibt. Vertreter:innen aus Verkehrsunternehmen, Politik und Wirtschaft diskutierten dort über die Zukunft des Öffentlichen Personennahverkehrs. Im Mittelpunkt standen zentrale Fragen: Wie sichern wir die Finanzierung? Wie modernisieren wir Infrastruktur und Betrieb? Und welche Rolle übernimmt der ÖPNV in einer sich verändernden Welt? Das verkehrspolitische Forum am 10. Juni 2026 hat diese Fragen zugespitzt – und zugleich deutlich gemacht, dass es nicht nur um technische oder finanzielle Aspekte geht. Es geht um die Rolle des ÖPNV in Gesellschaft, Wirtschaft und zunehmend auch in der Sicherheitsarchitektur.
Verlässlichkeit als Voraussetzung für Transformation
VDV-Präsident Ingo Wortmann hat die Erwartungen der Branche klar formuliert. Busse und Bahnen seien nicht nur Mobilitätsangebote, sondern ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Gleichzeitig spüre die Branche strukturelle Belastungen, allen voran bei der Finanzierung. Gerade deshalb brauche es verlässliche, langfristig planbare Rahmenbedingungen und einen konsequenten Bürokratieabbau.
Wortmann zog den Zusammenhang deutlich: Wer in den ÖPNV investiert, investiert in die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Leistungsfähigkeit entstehe nicht kurzfristig, sondern durch kontinuierliche Investitionen, politische Unterstützung und klare Prioritäten. Dazu zählen für ihn unter anderem eine Weiterentwicklung der Regionalisierungsmittel, eine verlässliche Trassenpreisförderung und ein neues Trassenpreissystem sowie zusätzliche Mittel für die Antriebswende.
Auch Stefan Schnorr, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, unterstrich in seiner Rede den Handlungsdruck. Die Infrastruktur sei vielerorts zu alt und zu störanfällig. Massive Investitionen seien nötig. Gleichzeitig machte er deutlich, dass finanzielle Spielräume des Bundes begrenzt bleiben. Umso wichtiger sei es, die vorhandenen Mittel wirksam einzusetzen und eng zusammenzuarbeiten.
Verkehrspolitik wird zur Standortfrage
Die Diskussionen zeigten, wie eng Verkehrspolitik inzwischen mit anderen Politikfeldern verzahnt ist. Der ÖPNV entscheidet mit darüber, ob Regionen für Unternehmen attraktiv sind, wie Menschen ihre Arbeit erreichen und wie Städte wachsen. Damit rückt er stärker in den Fokus strategischer Entscheidungen.
Zugleich wächst der Anspruch an die Branche, Lösungen schneller in die Fläche zu bringen. Der Appell, technische Entwicklungen stärker zu standardisieren und Erkenntnisse aus Modellprojekten konsequent zu nutzen, zog sich durch viele Beiträge.
Neue Perspektiven auf Sicherheit und Infrastruktur
Besondere Aufmerksamkeit zog die Keynote von Dr. Claudia Major, Sicherheitsexpertin, Senior Vice President Transatlantic Security und Member of the Executive Team, German Marshall Fund, auf sich. Sie hat den Blick bewusst geweitet und die Rolle der Verkehrsinfrastruktur in einem veränderten geopolitischen Umfeld eingeordnet. Ihre zentrale These: Kritische Infrastruktur, zu der auch der ÖPNV gehört, gewinnt an Bedeutung für die Resilienz des Landes.
Dabei ging es weniger um konkrete Szenarien als um die grundsätzliche Frage, wie widerstandsfähig Systeme aufgestellt sind. Major betonte, dass Deutschland als Drehscheibe und Transitland insbesondere in geopolitischen Krisenzeiten eine wichtige Rolle spielt und Infrastruktur nicht nur im zivilen Alltag funktionieren muss, sondern auch unter außergewöhnlichen, auch militärischen Bedingungen.
Gleichzeitig warb sie dafür, Resilienz breiter zu denken: als Fähigkeit, mit Unsicherheiten umzugehen, in den Unternehmen der Branche Abläufe zu sichern und handlungsfähig zu bleiben.

Resilienz ist kein völlig neuer Auftrag.
VRR‑Vorstandssprecher Oliver Wittke greift diesen Gedanken auf und ordnet ihn ein: „Wir sollten die Hinweise sehr ernst nehmen, ohne daraus Alarmismus abzuleiten. Ein leistungsfähiger ÖPNV ist immer auch ein stabiler ÖPNV. Genau daran arbeiten wir seit Jahren – mit Investitionen in Infrastruktur, in Qualität und in verlässliche Angebote.“
Wittke macht zugleich deutlich, dass Resilienz kein völlig neuer Auftrag ist: „Die Branche sorgt jeden Tag dafür, dass Millionen Menschen ihr Ziel erreichen. Diese Verlässlichkeit zu sichern, ist der Kern unserer Arbeit. Wenn wir darüber hinaus stärker in Szenarien denken und Abläufe absichern, dann ist das eine konsequente Weiterentwicklung – aber keine Abkehr von unserem bisherigen Kurs.“
Mit Blick auf die Verantwortung der Branche ergänzt er: „Die Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger haben die Kompetenz, Prozesse zu prüfen, Risiken zu bewerten und sich besser aufzustellen. Das ist Teil eines professionellen Systems.“
Eigenverantwortung und politische Klarheit
In den Diskussionen während der VDV-Jahrestagung zeigte sich: Die Branche ist bereit, Verantwortung zu übernehmen und ihren Beitrag zur Transformation zu leisten. Allerdings braucht sie dafür klare politische Leitplanken.
Das gilt für die Finanzierung des ÖPNV-Gesamtsystems ebenso wie für strategische Fragen. Wenn der ÖPNV künftig noch stärker als Teil der Daseinsvorsorge, als Standortfaktor und resilienter Bestandteil der kritischen Infrastruktur verstanden wird, dann muss sich das auch in verlässlichen Rahmenbedingungen widerspiegeln.





