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11. Mai 2026

NRW-Mobilitätsforum 2026 Gemeinsam Verantwortung für einen starken SPNV übernehmen

Unter dem Motto „Mobilität in Bewegung: umdenken, umbauen, umsteigen“ brachte das diesjährige NRW-Mobilitätsforum Akteur:innen der drei SPNV-Aufgabenträger VRR, go.Rheinland und NWL sowie Vertreter:innen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zusammen, um über die Finanzierung und Strukturen im SPNV zu diskutieren – und um die Frage zu erörtern, wie der Schienenpersonennahverkehr in NRW verlässlich und zukunftsfähig bleibt. Auf einem Rhein-Schiff in Köln bot sich den über 300 Teilnehmenden Raum für Austausch, Diskussion und Vernetzung.

„Wir sitzen gemeinsam in einem Boot“ – Impulse von NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer

Nach Grußworten von Markus Ramers, Verbandsvorsteher des Zweckverbands go.Rheinland, und Ascan Egerer, Beigeordneter für Mobilität der Stadt Köln, setzte der Impulsvortrag von Oliver Krischer, Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein‑Westfalen, früh einen inhaltlichen Schwerpunkt.

Gleich zu Beginn stellte der Minister fest, dass der Maßstab für den Erfolg eines zukunftsfähigen Schienenpersonennahverkehrs der Fahrgast sei: „Wenn der Fahrgast sagt, das war zuverlässig, das war pünktlich, es gab eine Verbindung, die passend war, die Qualität war entsprechend und ich empfehle die Reise mit dem Zug weiter – dann haben wir gewonnen“, so Krischer.

Zugleich erinnerte er daran, dass der SPNV in Nordrhein-Westfalen eine Erfolgsgeschichte sei. Seit den 1980er- und 1990er-Jahren habe sich das Angebot deutlich ausgeweitet und auch die Nachfrage habe sich nahezu verdreifacht, ohne dass die finanziellen Mittel im gleichen Maße gewachsen seien. Krischer erklärte, dass in den vergangenen Jahrzehnten im SPNV viel geleistet worden sei. Die vielfach prognostizierte Bedeutungslosigkeit der Schiene sei nicht eingetreten. Im Gegenteil: Nach Ansicht des Ministers ist der SPNV heute ein zentraler Pfeiler nachhaltiger Mobilität und unverzichtbar für Klimaschutz und Daseinsvorsorge. Es sei insbesondere wichtig, mit passgenauen Angeboten auch die Mobilitätsbedürfnisse im ländlichen Raum im Blick zu behalten.

  • NRW-Mobilitätsforum 2026: Oliver Krischer, Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen
    NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer betonte beim NRW-Mobilitätsforum: Der Fahrgast ist der Maßstab für den Erfolg eines zukunftsfähigen SPNV.
  • NRW-Mobilitätsforum 2026: Markus Ramers, Verbandsvorsteher Zweckverband go.Rheinland
    Markus Ramers, Verbandsvorsteher des Zweckverbands go.Rheinland, ...
  • NRW-Mobilitätsforum 2026: Ascan Egerer, Beigeordneter für Mobilität der Stadt Köln
    ... und Ascan Egerer, Beigeordneter für Mobilität der Stadt Köln, begrüßten die Teilnehmenden des sechsten NRW-Mobilitätsforums.

Gleichzeitig benannte der Minister sehr klar die aktuellen Herausforderungen. Die Qualität im SPNV, insbesondere bei Pünktlichkeit und Verlässlichkeit, sei derzeit „so nicht hinnehmbar“. Positiv hob er hervor, dass die personalbedingten Zugausfälle durch große Kraftanstrengungen der Branche in den vergangenen zwei Jahren deutlich reduziert wurden. Die marode Infrastruktur bleibe ein zentrales Problem. Viele Anlagen stammten noch aus dem frühen 20. Jahrhundert. Baustellen wertete Krischer dennoch ausdrücklich als positives Zeichen: „Hier passiert etwas, hier wird Zukunft geschaffen, hier wird dafür gesorgt, dass das System verlässlicher wird.“

Deutlich wurde Krischer auch bei der Finanzierung. Rund die Hälfte der Regionalisierungsmittel fließe über Trassenpreise an die Deutsche Bahn und zurück an den Bund – ein System, das er als widersprüchlich beschrieb. Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Trassenpreisbremse drohten Nordrhein‑Westfalen bis 2030 Mehrkosten von rund 1,2 Milliarden Euro, ohne dass zusätzliche Verkehrsleistungen erbracht würden. An den Bund gerichtet betonte er: „Eine Reform des Trassenpreissystems ist absolut überfällig“.

Zugleich machte Krischer deutlich, dass finanzielle Forderungen an den Bund mit der Bereitschaft zur Selbstreflexion der Branche einhergehen müssten. Das bisher dreigeteilte SPNV‑System in NRW sei in einem sich stark verändernden Markt nicht mehr uneingeschränkt zukunftsfähig. Nordrhein‑Westfalen sei der größte SPNV‑Markt Europas – und müsse diese Marktmacht künftig stärker bündeln, um leistungsfähiger, effizienter und reaktionsschneller im Interesse der Fahrgäste zu werden.

Zukunft der SPNV-Strukturen: Perspektiven im Dialog

Um eben diese neuen SPNV-Strukturen ging es dann auch im anschließenden Gespräch „Zukunft der SPNV‑Strukturen in NRW: Perspektiven im Dialog“. Neben Oliver Krischer diskutierten Michael Vogel (go.Rheinland), Christiane Auffermann (NWL), Oliver Wittke (VRR) und Prof. Hilmar von Lojewski (Deutscher Städtetag).

Krischer plädierte für ein gemeinsames Zielbild des öffentlichen Verkehrs über alle staatlichen Ebenen hinweg – mit klaren Perspektiven bis 2040. Erst auf dieser Grundlage könne seriös über die Finanzierung gesprochen werden. Gerade bei den Trassenpreisen zeige sich jedoch, dass dieser Prozess in Deutschland bislang nicht ausreichend stattfinde. Die drohenden Kostensteigerungen seien so gravierend, dass Leistungen sonst nicht mehr finanzierbar wären.

NRW-Mobilitätsforum 2026: Teilnehmende der Veranstaltung auf dem Podium

Oliver Wittke, Vorstandssprecher des VRR, knüpfte daran an und formulierte einen zentralen Punkt aus Sicht der Aufgabenträger: „Das Wichtigste für die Mobilitätsplanung ist Verlässlichkeit und Berechenbarkeit.“ Infrastruktur, Fahrzeugbeschaffung und Verkehrsverträge seien langfristig angelegt – häufig über zehn oder 15 Jahre. Umso problematischer sei es, dass gerade bei Trassenentgelten, Regionalisierungsmitteln und Förderprogrammen diese Planungssicherheit fehle.

Mit Blick auf das EuGH‑Urteil äußerte Wittke deutliche Kritik: Er habe „null Verständnis“ dafür, dass der Bund bislang kein belastbares Lösungskonzept vorgelegt habe – obwohl die Entscheidung des EuGH absehbar gewesen sei. Gleiches gelte für die Finanzierungsperspektive etwa beim DeutschlandTicket über 2029 hinaus. Unternehmen, die das Ticket dauerhaft in ihre Mobilitätskonzepte integrieren wollten, benötigten langfristige Zusagen. Unsicherheit über Preisentwicklungen wirke hier als klares Hemmnis.

NRW-Mobilitätsforum 2026: Teilnehmende der Veranstaltung auf dem Podium

Strukturreform mit Blick auf die Fahrgäste

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die anstehende SPNV‑Strukturreform. Für Wittke war dabei klar: Sie sei kein Selbstzweck. „Am Ende müssen wir die Fahrgäste im Auge haben“, betonte er. Strukturveränderungen müssten spürbar zu besserer Leistung führen – zu mehr Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Komfort und Sicherheit.

Angesichts von inzwischen 1,7 Millionen DeutschlandTicket‑Abos allein im VRR sei die Situation paradox: Die Nachfrage sei enorm, die Züge voll – trotz spürbarer Qualitätsdefizite. Gerade deshalb sei es wichtig, den Menschen zu vermitteln, dass Reformen dazu dienten, das Angebot tatsächlich zu verbessern.

Oliver Krischer ergänzte diesen Punkt aus Nutzenden-Sicht: Den Fahrgästen sei es gleichgültig, welcher Aufgabenträger auf dem Zug stehe. Entscheidend sei allein, dass der Zug fährt und zuverlässig ist. Strukturfragen seien daher nur branchenintern relevant, hätten aber direkte Auswirkungen auf Service, Personal, Fahrgastinformation und Krisenmanagement. Die Reform solle deshalb Kräfte bündeln und knappe Ressourcen konsequent im Sinne der Fahrgäste einsetzen.

NRW-Mobilitätsforum 2026: Teilnehmende der Veranstaltung auf dem Podium

Wege durch den Wandel: drei Perspektiven, ein Ziel

Einen breiteren Blick auf Transformation und Veränderungen im System Mobilität eröffnete die abschließende Talkrunde „Wege durch den Wandel“. Mit Sascha Lobo, Mathias Mester und Harmen van Zijderveld kamen sehr unterschiedliche Erfahrungen zusammen – aus Medien und Digitalisierung, dem Para-Leistungssport sowie aus der operativen Verantwortung eines großen Nahverkehrsunternehmens.

Ausgangspunkt der Diskussion war die Frage, wo in der Branche dringend ein Umdenken nötig sei. Sascha Lobo machte deutlich, dass dieser Punkt vor allem dort liege, „wo wir versuchen, etwas zu beschützen, das nicht geschützt werden kann“. Gemeint sei insbesondere der Wandel von Geschäfts‑ und Arbeitsmodellen durch Künstliche Intelligenz. Dabei gehe es nicht um Deregulierung um jeden Preis, wohl aber darum, dass auch öffentliche Unternehmen und Infrastrukturen KI‑gestützte Effizienzpotenziale nutzen müssten. Anderenfalls entstehe ein Kostendruck, der langfristig kaum mehr handhabbar sei. „Wir müssen die KI‑Effizienzen heben – und zwar gerade in den Unternehmen, die nicht jeden Tag auf Börsenkurse schauen“, so Lobo.

NRW-Mobilitätsforum 2026: Sascha Lobo, Spiegel-Kolumnist und Autor
In seinem Impulsvortrag und der anschließenden Podiumsdiskussion widmete sich Sascha Lobo insbesondere den Chancen und Risiken von KI in der Mobilität.

Harmen van Zijderveld, Vorstandsvorsitzender der DB Regio AG, griff diesen Gedanken auf und konkretisierte ihn am Beispiel Sicherheit. Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter habe sich erneut gezeigt, wie relevant dieses Thema sei. Im Nahverkehr gebe es bereits in rund 80 Prozent der Züge Videoüberwachung – die dabei entstehenden Datenmengen ließen sich jedoch nicht manuell auswerten. „Das können wir nur mit KI lösen“, so van Zijderveld. Er sprach sich offen für eine Neubewertung des Datenschutzes aus, wenn es um die Sicherheit in einem öffentlichen System gehe: Der Schutz potenzieller Täter dürfe nicht höher gewichtet werden als der Schutz der Fahrgäste und Beschäftigten.

Auch die Barrierefreiheit war Thema der Runde. Mathias Mester berichtete als ehemaliger deutscher Para-Leichtathlet aus eigener Erfahrung, dass nicht überall ein ebenerdiger Einstieg gewährleistet sei – eine klare Einschränkung für viele Menschen im Rollstuhl. Van Zijderveld betonte dagegen, dass im System Nahverkehr intensiv an Verbesserungen gearbeitet werde. Mobilität müsse sehr unterschiedliche Anforderungen erfüllen: „Das System ist für alle da – für alle Altersgruppen und Geschlechter.“ Gleichzeitig seien die Spielräume begrenzt, da Fahrzeuge oft über Jahrzehnte im Einsatz seien und auch Bahnhöfe langfristig bestehen. Dennoch investierten die SPNV-Aufgabenträger erhebliche eigene Mittel, um Barrieren schrittweise abzubauen.

NRW-Mobilitätsforum 2026: Teilnehmende der Veranstaltung auf dem Podium
v. l. n. r.: Harmen van Zijderveld, Vorstandsvorsitzender der DB Regio AG, Mathias Mester, ehemaliger deutscher Para-Leichtathlet, Sascha Lobo, Spiegel-Kolumnist und Autor

Zum Abschluss lenkte van Zijderveld den Blick noch einmal auf die Bedeutung von Verlässlichkeit – nicht nur für Fahrgäste, sondern auch für die Mitarbeitenden im System. Die Zahlen zeigten eine positive Entwicklung: Während 2023 bundesweit rund drei Prozent der Zugkilometer ausgefallen seien, weil Personal oder Fahrzeuge fehlten, habe sich dieser Wert im vergangenen Jahr auf etwa ein Prozent reduziert. Besonders die personalbedingten Ausfälle seien um rund 80 Prozent gesunken. Trotz des hohen Drucks erlebe er die Beschäftigten nicht als resigniert, sondern als engagiert. „Sie arbeiten nicht zufällig in diesem System, sondern aus Überzeugung – mit Herz und Leidenschaft“, so van Zijderveld.

Das NRW‑Mobilitätsforum 2026 machte deutlich: Die Herausforderungen im SPNV sind groß – finanziell, strukturell und betrieblich. Gleichzeitig besteht ein breiter Konsens darüber, dass Lösungen nur gemeinsam gelingen können. Der Fokus bleibt klar auf die Fahrgäste gerichtet – und auf das Ziel, Mobilität in Nordrhein‑Westfalen langfristig verlässlich und zukunftsfähig zu gestalten.

NRW-Mobilitätsforum 2026: Teilnehmende der Veranstaltung auf dem Podium
Harmen van Zijderveld betonte, wie wichtig Verlässlichkeit im SPNV für die Fahrgäste ist.

Eindrücke von der Veranstaltung

  • NRW-Mobilitätsforum 2026: Videobotschaft skizzierte Ulrich Lange, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, per Videoschalte dabei
    In einer Videobotschaft skizzierte Ulrich Lange, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, die Perspektiven der Bundespolitik.
  • NRW-Mobilitätsforum 2026: Gruppenbild der Hausspitzen der nordrhein-westfälischen SPNV-Aufgabenträger mit dem NRW-Verkehrsminister
    Die Hausspitzen der drei nordrhein-westfälischen Aufgabenträger mit NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer.
  • NRW-Mobilitätsforum 2026: Blick ins Auditorium
  • NRW-Mobilitätsforum 2026: Blick ins Auditorium
Wibke Hinz

Von Wibke Hinz
PR- und Online-Redakteurin


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