Transformation braucht Realitätssinn – und Eigenverantwortung von Oliver Wittke, Vorstandssprecher des VRR
Wie gestalten wir einen zukunftsfähigen und leistungsstarken ÖPNV für die Menschen im VRR, in ganz NRW und bundesweit? Diskussionen über diese Frage gibt es viele – und sie bewegen sich seit Jahren in einem Spannungsfeld zwischen Erwartungen und tatsächlicher Umsetzbarkeit. Einerseits ist der politische Anspruch hoch: Klimaschutz, gleichwertige Lebensverhältnisse und eine bezahlbare Mobilität für alle. Andererseits stehen kommunale Aufgabenträger und Verkehrsunternehmen vor einer Realität aus steigenden Kosten, Fachkräftemangel, Investitionsrückständen und begrenzten finanziellen Spielräumen. Das VDV-Leistungskostengutachten für Nordrhein-Westfalen beschreibt diesen Zusammenhang nüchtern und realistisch: Es zeigt, welche finanziellen Mittel notwendig sind, um den ÖPNV in NRW zukunftsfähig aufzustellen. Allen Nahverkehrsakteuren muss jedoch klar sein: Die Verkehrswende gelingt nur dann, wenn die Branche selbst einen substanziellen Eigenbeitrag leistet.
Zwei Szenarien, eine klare Botschaft
Mit den Szenarien „Modernisierung 2040“ und „Deutschlandangebot 2040“ skizziert das Gutachten zwei Entwicklungspfade für den ÖPNV in NRW. Beide sind ambitioniert, beide folgen klaren verkehrs- und klimapolitischen Zielen – und beide machen deutlich: Ein leistungsfähiger, zukunftsfähiger ÖPNV ist nicht zum Nulltarif zu haben. Allein für die Modernisierung des bestehenden Angebots und damit für die rein qualitative Verbesserung der Leistungen ergibt sich ein zusätzlicher Finanzierungsbedarf von rund 250 Millionen Euro pro Jahr. Soll darüber hinaus ein flächendeckend attraktives Angebot geschaffen werden – das sogenannte Deutschlandangebot –, steigt der jährliche Mehrbedarf auf etwa 700 Millionen Euro. Diese Zahlen sind keine Überzeichnung, sondern eine Konsequenz aus realen Kostenentwicklungen, den langfristig nötigen Investitionen in Infrastruktur, Fahrzeuge und Personal und dem notwendigen Angebotsausbau.
Anschluss an den VRR-Nahverkehrsplan 2025: Leistung braucht Finanzierung
Damit schlägt das VDV-Gutachten eine direkte Brücke zum VRR-Nahverkehrsplan 2025. Auch er beschreibt sehr klar, dass wir die Verkehrswende und damit auch die anspruchsvollen nationalen und internationalen Klimaschutzziele nur mit einem deutlichen Leistungs- und Qualitätsausbau im Schienenpersonennahverkehr und im kommunalen Nahverkehr erreichen werden. Allein für den VRR heißt das: Wir müssen das Angebot nahezu verdoppeln – als zentrale Voraussetzung, um mehr Menschen für den Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn zu gewinnen. Mehr Angebot erfordert jedoch auch mehr Finanzierung. Diese Logik ist ebenso einfach wie unumgänglich.
NRW im besonderen Spannungsfeld
Für Nordrhein-Westfalen gilt das in besonderer Weise. Der Anteil der Nutzerfinanzierung liegt hier bereits heute mit rund 35 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Gleichzeitig steigen die Kosten im ÖPNV deutlich schneller als die allgemeine Inflation – getrieben durch Energiepreise, Personalaufwendungen, Investitionen in klimafreundliche Antriebe und den Abbau des Sanierungsstaus. Erschwerend kommt hinzu, dass geopolitische Entwicklungen und Krisen immer wieder zu Verwerfungen auf den Energie- und Kraftstoffmärkten führen. Vor diesem Hintergrund ist klar: Zusätzliche öffentliche Mittel sind notwendig. Aber sie allein werden nicht ausreichen.
Der Eigenbeitrag der Branche ist keine Kür
Eine erfolgreiche Transformation des ÖPNV setzt zwingend einen substanziellen Eigenbeitrag der Branche voraus. Das Leistungskostengutachten formuliert diesen Anspruch sehr deutlich – und es ist richtig, ihn klar zu benennen. Einen Eigenbeitrag zu leisten, heißt dabei nicht, um jeden Preis zu sparen. Vielmehr geht es um strukturelle Verbesserungen, die Effizienzgewinne ermöglichen und Ressourcen verantwortungsvoll einsetzen: schlankere Strukturen, optimierte Prozesse, mehr Digitalisierung, eine stärkere Standardisierung und eine engere Zusammenarbeit aller Akteure.
Gerade hier zeigt sich, wie ernst es die Branche mit ihrem Eigenbeitrag meint. Denn Effizienz entsteht nicht durch parallele Entwicklungen oder unabgestimmte Alleingänge, sondern durch das Bündeln von Kräften, durch gemeinsame Standards und Lösungen, die skalierbar sind. Wer Digitalisierung als Hebel für Wirtschaftlichkeit nutzen will, muss bereit sein, sich auf abgestimmte Strukturen einzulassen – auch dann, wenn dies bedeutet, eigene Wege zugunsten des Gesamtsystems zurückzustellen.
Der VRR als Treiber und Vorreiter
Im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr ist dieser Eigenbeitrag keine abstrakte Forderung, sondern gelebte Praxis. Der VRR versteht sich dabei bewusst als Treiber und Vorreiter der Transformation. Dazu gehört unter anderem die Weiterentwicklung von Strukturen in unserer Region und in ganz Nordrhein-Westfalen. Mit der vollständigen Integration des Nahverkehrszweckverbands Niederrhein (NVN) hat der VRR bereits zum 1. Januar 2026 einen wichtigen Schritt vollzogen, um Zuständigkeiten an einer zentralen Stelle zu bündeln, Doppelstrukturen abzubauen und Entscheidungsprozesse effizienter zu organisieren. Auch die laufenden Aktivitäten auf Landesebene zur stärkeren Bündelung von Aufgaben im Schienenpersonennahverkehr in einer landesweiten Organisation „Schiene.NRW“ folgen dieser Logik. Für den VRR ist dabei entscheidend, dass strukturelle Reformen stets dem gleichen Ziel dienen: mehr Qualität und Verlässlichkeit für die Fahrgäste bei einem verantwortungsvollen Einsatz öffentlicher Mittel.
Tarif und Vertrieb als Schlüssel
Strukturreformen reichen jedoch nicht aus. Der Eigenbeitrag der Branche muss sich ebenso im operativen Handeln widerspiegeln – dort, wo Prozesse vereinfacht, Angebote verständlicher und der Zugang zum ÖPNV für die Kundinnen und Kunden konsequent erleichtert werden. Hierbei spielen die Bereiche Tarif und Vertrieb eine ganz entscheidende Rolle. Mit einer massiven Reduzierung des Ticketsortiments, der Abschaffung kleinteiliger Preisstufen und dem klaren Fokus auf das DeutschlandTicket und eezy.nrw haben wir bereits zum 1. März 2025 den Nahverkehr spürbar vereinfacht und richten den Tarif auch zukünftig konsequent an den tatsächlichen Nutzungsbedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden aus.
Für die Fahrgäste bedeutet das: weniger Komplexität, mehr Transparenz und ein intuitiver Zugang zum ÖPNV – unabhängig davon, ob sie regelmäßig oder nur gelegentlich mit Bus und Bahn unterwegs sind. Hinzu kommt der konsequente Fokus auf digitale Vertriebswege bis hin zum bargeldlosen Ticketkauf in den Fahrzeugen des ÖPNV. Das senkt Kosten bei den Verkehrsunternehmen, reduziert den Beratungsaufwand und verbessert gleichzeitig den Zugang und die Servicequalität für die Kundinnen und Kunden.
Standardisierung als Hebel für Qualität und Wirtschaftlichkeit
Nicht zuletzt ist die konsequente Standardisierung von Produkten und Services ein entscheidender Hebel, um die Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems zu stärken und zugleich die Qualität für die Fahrgäste nachhaltig zu verbessern. Konkret umfasst dies beispielsweise einheitliche Richtlinien für Haltestellen und Fahrplanwechseltermine, klare Standards bei kommunalen Produkten, Liniennummern und Stadtbahnsystemen sowie die Weiterentwicklung der Hintergrund- und Auskunftssysteme für die Fahrgäste. Dies alles sorgt dafür, dass der ÖPNV aus Sicht der Fahrgäste verlässlicher, verständlicher und konsistenter wird – und für Verkehrsunternehmen effizienter in Planung, Betrieb und Weiterentwicklung.
Transformation gelingt nur gemeinsam
Das VDV-Leistungskostengutachten NRW macht eines sehr deutlich: Die Transformation des ÖPNV ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Sie verlangt ein klares politisches Bekenntnis zur Finanzierung und zugleich einen glaubwürdigen Eigenbeitrag der Branche. Der VRR zeigt, dass beides zusammengeht. Die kommenden Jahre entscheiden darüber, ob aus ambitionierten Zielen eine erfolgreiche Verkehrswende wird. Realitätssinn, Kooperation und Eigenverantwortung sind dafür kein Hemmnis, sondern die Voraussetzung.