Nachhaltige Mobilität braucht politischen Rückhalt und ausreichende Finanzmittel Netzwerk-Jahrestreffen der Koordinierungsstelle Rhein-Ruhr des Zukunftsnetz Mobilität NRW (ZNM)
Wie können Kommunen die Mobilität vor Ort weiterentwickeln, wenn finanzielle und personelle Spielräume schwinden? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Mobilitätsmanager:innen beim Netzwerk-Jahrestreffen 2026 der Koordinierungsstelle Rhein-Ruhr des Zukunftsnetz Mobilität NRW in Witten. Die Diskussionen zeigten: Auch unter schwierigen Bedingungen können Kommunen etwas bewegen. Dafür müssen sie vorausschauend planen, politische Mehrheiten gewinnen und vorhandene Angebote konsequent nutzen.
Was können Mobilitätsmanager:innen für eine nachhaltige Mobilität in ihren Kommunen tun?
Die Voraussetzungen für eine nachhaltige Mobilität in den Kommunen sind in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden. Viele Städte und Kreise müssen sparen oder befinden sich bereits in der Haushaltssicherung. Gleichzeitig verliert das Thema in politischen Debatten an Rückhalt. Der Klimaschutz und die Folgen von zunehmender Hitze und Extremwetter treten immer häufiger hinter anderen gesellschaftlich relevanten Themen zurück. Dennoch müssen Kommunen dafür sorgen, dass Menschen ihre Arbeitsplätze, Schulen, medizinische Einrichtungen und Angebote des täglichen Lebens mit öffentlichen Mobilitätsangeboten jederzeit erreichen können. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gehört es zu ihren Aufgaben, selbstständige Mobilität für alle Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen.
Das Netzwerk-Jahrestreffen knüpfte deshalb an die Diskussion des Vorjahres über die Zusammenarbeit mit der Kommunalpolitik an. Im Mittelpunkt stand die Frage, was Mobilitätsmanager:innen ein Jahr nach der Kommunalwahl für eine nachhaltige Mobilität tun und die politischen Entscheidungen vor Ort stärker unterstützten können.
Kommunen benötigen politische und finanzielle Unterstützung
Wie entscheidend die richtigen Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches kommunales Mobilitätsmanagement sind, hatte Anfang des Jahres bereits eine Befragung unter den ZNM-Mitgliedskommunen gezeigt. Die Mobilitätsmanager:innen nannten drei Voraussetzungen besonders häufig: die Unterstützung der Verwaltungsspitze, der Rückhalt der Kommunalpolitik sowie ausreichende finanzielle Mittel, um geplante Maßnahmen tatsächlich umsetzen zu können. Vom Zukunftsnetz Mobilität NRW wünschen sie sich daher insbesondere Hilfestellung bei Fragen der Finanzierung und Förderung und praxisnahe Ansätze, um politische Entscheidungen vorzubereiten und zu begleiten.
Jan Garde aus der Koordinierungsstelle Rhein-Ruhr des ZNM machte bei seiner Begrüßung zugleich deutlich, welchen Beitrag darüber hinaus auch die Netzwerk-Jahrestreffen leisten können. Sie bieten den Raum, Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Getreu dem Motto: Was läuft gut und sollte Schule machen – und was funktioniert nicht und kann getrost ad acta gelegt werden. Ein wertvolles Wissen, wenn personelle und finanzielle Ressourcen begrenzt sind. Seit dem Jahrestreffen im vergangenen Jahr haben sich fünf weitere Kommunen dem ZNM angeschlossen. Damit wächst nicht nur das Netzwerk, sondern auch das Wissen darüber, welche Ansätze vor Ort funktionieren und wie Kommunen mit durchaus vergleichbaren Herausforderungen umgehen können.

Land NRW sichert den Rahmen für ein erfolgreiches kommunales Mobilitätsmanagement
Evelin Unger-Azadi aus dem Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NRW betonte in ihrer Rede, wie wichtig es sei, dass Kommunen Mobilität als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge sichern. Das gelte insbesondere dann, wenn steigende Kraftstoff- und Energiepreise die individuelle Mobilität verteuern und der demografische Wandel neue Anforderungen mit sich bringe. Auch ältere Menschen müssten in Städten, aber insbesondere auch in ländlichen Räumen selbstständig mobil bleiben können. Das Land setzt deshalb auch weiterhin auf das Zukunftsnetz Mobilität NRW. Unger-Azadi bestätigte, dass es auch nach der Neuordnung des Schienenpersonennahverkehrs zum 1. Januar 2027 beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr angesiedelt bleibt. Zudem prüft das Land derzeit, inwieweit besonders finanzschwache Kommunen noch gezielter unterstützt werden können.

Einnahmen aus der Parkraum-Bewirtschaftung für nachhaltige Mobilität nutzen
Michael Zyweck, Leiter der Koordinierungsstelle Rhein-Ruhr, warnte davor, Klimaschutz und die Folgen zunehmender Hitze aus dem Blick zu verlieren. Beide Themen beträfen alle Kommunen und unterstrichen, warum sie die nachhaltige Mobilitätsentwicklung weiterverfolgen müssten. Derzeit erhalte beispielsweise das Parkraummanagement in urbanen Räumen neuen Auftrieb. Dabei gehe es jedoch häufig weniger um die Verkehrswende als um zusätzliche Einnahmen für angespannte kommunale Haushalte. Zyweck warb dafür, zumindest einen Teil dieser Einnahmen gezielt für nachhaltige Mobilität einzusetzen.
Zugleich verwies er auf Angebote, die insbesondere den ÖPNV in ländlichen Regionen stärken. XBus-Linien bieten Kommunen konkrete Anknüpfungspunkte, um nachhaltige Mobilität politisch voranzutreiben. Auch das betriebliche Mobilitätsmanagement könne deutlich mehr dazu beitragen, den Modal Split sowie Verkehrsströme zu verändern und Beschäftigten attraktive Alternativen zum eigenen Auto anzubieten. Bislang nähmen Kommunen dieses Handlungsfeld jedoch noch zu selten in den Blick.
Das Zukunftsnetz unterstützt sie dabei nicht nur mit Informationen, sondern auch mit Beratung und Vernetzung. Zyweck ermutigte die Mobilitätsmanager:innen, diese Angebote stärker zu nutzen und das Zukunftsnetz beispielsweise in die kommunalen Verkehrsausschüsse einzuladen. So können Fachleute politische Debatten mit fundierten Informationen unterstützen und konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Mobilität im kommunalen Haushalt: Was ist wünschenswert und was ist leistbar?
Wie Kommunen auch mit begrenzten Mitteln Mobilität gestalten können, zeigte Dirk Leistner, der Bürgermeister der Stadt Witten. Die Stadt mit rund 96.000 Einwohner:innen vereint eine dicht bebaute Innenstadt und Ortsteile mit dörflichem Charakter. Daraus entstehen unterschiedliche Mobilitätsbedürfnisse. Zugleich muss Witten wie viele andere Kommunen in den Haushaltsberatungen immer wieder zwischen dem Wünschenswerten und dem finanziell Leistbaren abwägen.
Trotz dieser schwierigen Ausgangslage habe die Stadt mehr erreicht, als zunächst vermutet werden könne. Sie setze heute allerdings seltener auf ein einzelnes großes Projekt. Stattdessen verbinde sie mehrere Ziele in einer Maßnahme. So entwickelt Witten sein Radwegenetz weiter, stärkt den Radverkehr auch für Pendler:innen und bezieht weitere Verkehrsmittel ein. Die Stadt verbessert zudem die Barrierefreiheit und schafft damit bessere Voraussetzungen dafür, dass möglichst viele Menschen selbstständig unterwegs sein können.
Dabei hilft unter anderem die Straßenraumvisualisierung des ZNM. Sie zeigt anschaulich, wie sich geplante Veränderungen auf einen Straßenraum auswirken können. So werden abstrakte Planungen verständlich: Visualisierungen schaffen Bilder, Bilder schaffen Verständnis und Verständnis schafft politische Mehrheiten für Mobilitätsvorhaben in der Kommune. Wie der Bürgermeister deutlich machte, mangelt es häufig nicht an guten Ideen. Vielmehr können sich diejenigen, die über ein Projekt entscheiden, nur schwer vorstellen, was eine Planung konkret verändert. Anschauliche Beispiele schaffen hier Verständnis und können politischen Rückhalt ermöglichen.

Ohne Planung lassen sich Förderchancen nicht nutzen
Witten verfolgt zugleich einen Ansatz, der gerade unter schwierigen Haushaltsbedingungen wichtig ist: Die Stadt plant weiter, auch wenn sie ein Vorhaben zunächst nicht aus eigenen Mitteln finanzieren kann. Nur wenn Kommunen Projekte vorbereiten, können sie reagieren, sobald ein passendes Förderprogramm startet. Wer angesichts knapper Kassen vollständig auf Planungen verzichtet, kann spätere Fördermöglichkeiten oftmals nicht rechtzeitig nutzen.
Darin lag eine zentrale Botschaft des Treffens: Begrenzte Mittel schränken die kommunalen Möglichkeiten ein, nehmen den Städten und Gemeinden aber nicht jeden Gestaltungsspielraum. Stattdessen gewinnen vorausschauende Planung, kleinere umsetzbare Schritte und die Verbindung mehrerer Ziele an Bedeutung. Ebenso wichtig ist es, politische Entscheidungsträger:innen, Verwaltungsspitzen und weitere Beteiligte frühzeitig einzubeziehen. Mobilitätsmanager:innen müssen nachvollziehbar vermitteln, welchen konkreten Nutzen ein Projekt für die Menschen vor Ort schafft.
In zwei Arbeitsphasen tauschten sich die Teilnehmenden deshalb darüber aus, welche Zugänge sie zur Kommunalpolitik haben und wie sie die Zusammenarbeit verbessern können. Zudem diskutierten sie, welche Mobilitätsangebote Kommunen als Pflichtaufgaben sichern müssen, welche Gestaltungsmöglichkeiten darüber hinaus bestehen und wie sich dafür politische Mehrheiten gewinnen lassen.
ZNM schafft neue Zugänge zur Kommunalpolitik
Das Zukunftsnetz Mobilität NRW will diesen Austausch weiter stärken. So sollen auch künftig kommunalpolitische Foren stattfinden. Dort ist es bereits gelungen, mit Mandatsträger:innen direkt über nachhaltige Mobilität ins Gespräch zu kommen. Künftig sollen auch die Mobilitätsmanager:innen stärker in diese Formate eingebunden werden.
Ein weiteres Angebot sind sogenannte Tresen-Talks in den Kommunen. Die Kommunen setzen dabei die thematischen Schwerpunkte und unterstützen das Zukunftsnetz dabei, die relevanten Akteur:innen anzusprechen. Die Koordinierungsstelle organisiert und finanziert die Veranstaltung. Damit entsteht ein niedrigschwelliger Rahmen, in dem Verwaltung, Politik und weitere Beteiligte konkrete Mobilitätsthemen vor Ort diskutieren können.
Darüber hinaus testet das Zukunftsnetz derzeit ein KI-gestütztes Recherchewerkzeug zur Analyse von Ratsinformationssystemen. Es soll dabei helfen, relevante Diskussionen frühzeitig zu erkennen, Entwicklungen in anderen Kommunen nachzuvollziehen und Argumente für die politische Arbeit vor Ort zu gewinnen.
Das Netzwerk-Jahrestreffen machte damit vor allem eines deutlich: Nachhaltige Mobilität braucht Menschen in Verwaltung und Politik, die Projekte vorausschauend planen, ihren Nutzen verständlich vermitteln und auch unter schwierigen Bedingungen nach Spielräumen suchen.

