Zwei Personen stehen in einer Bahnhofshalle und blicken auf eine Abfahrtstafel

25. November 2021

Wie entsteht ein Fahrplan?

20 Regionalexpress-, 19 Regionalbahn- und zwölf S-Bahn-Linien verkehren derzeit auf den Schienen im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR). Insgesamt legen die Nahverkehrszüge über 50 Millionen Zugkilometer pro Jahr im Verbundgebiet zurück. Hinzu kommen noch Güter- und Fernverkehrszüge, die streckenweise dieselben Gleise nutzen. Damit der Bahnverkehr in der Region möglichst konfliktfrei funktioniert und nahtlos ineinandergreift, fahren alle Züge nach einem komplexen Fahrplan. Wie viel Vorlauf unsere Fahrplaner*innen benötigen und worauf sie bei ihren Planungen achten müssen, erklären wir Ihnen in diesem Beitrag.

Fahrplanjahr im Eisenbahnverkehr startet im Dezember

Das neue Fahrplanjahr beginnt immer zum europaweiten Fahrplanwechsel am Sonntag nach dem zweiten Samstag im Dezember. An diesem Tag werden in der Regel die meisten Fahrplanänderungen im VRR in Kraft gesetzt. Hinter jedem Fahrplan steckt ein gewaltiges Räderwerk, in dem die unterschiedlichen Zahnräder möglichst reibungslos ineinandergreifen müssen. Sofern keine gravierenden Änderungen vorgesehen sind, wie beispielsweise geänderte Linienwege oder einen geändertes Taktschema, beginnen die Fahrplaner*innen rund anderthalb Jahre vor dem Fahrplanwechsel mit ihrer Arbeit.

Die Vielzahl an Linien im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) gemeinsam mit Fernverkehrslinien und Güterzügen unter einen Hut zu bekommen, gestaltet sich nicht nur aufgrund der Überlastung des Schienennetzes und der veralteten Infrastruktur als zäher Prozess. Früher waren durch einen Rahmenvertrag mit der DB Netz AG die Trassen des SPNV gegenüber anderen Verkehren geschützt. Diese Rahmenverträge bietet DB Netz seit einigen Jahren nicht mehr an, sodass es nun vermehrt zu konkurrierenden Anmeldungen zwischen den Zugverkehrstypen kommt und der Nahverkehr im schlimmsten Fall ausfallen muss

Mehrere Hände halten Zahnräder fest, die ineinander greifen

Was passiert in den 18 Monaten vor dem Fahrplanwechsel?

Drei Personen sitzen an einem Tisch, auf dem sich ein Laptop befindet. Auf dem Display sind unterschiedliche Diagramme zu erkennen, die von den anwesenden Personen analysiert werden

18 Monate vor dem Fahrplanwechsel wird seitens der Infrastrukturbetreiber, das ist für nahezu alle Strecken im VRR-Gebiet die DB Netz AG, die verfügbare Infrastruktur festgeschrieben. Kurz darauf werden die Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) über die Planungsprämissen wie beispielsweise Baumaßnahmen für das neue Fahrplanjahr informiert.

Unsere Fahrplaner*innen analysieren gleichzeitig das vorhandene Angebot. Anhand von Fahrgastzahlen, Rückmeldungen von Kund*innen und der mittel- und langfristigen Planungen im Nahverkehrsplan sowie unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Finanzmittel prüfen sie, ob Änderungen am bestehenden Angebot notwendig bzw. möglich sind.

Die meisten der 51 SPNV-Linien im VRR-Gebiet verkehren über die Verbundgrenzen hinaus. Daher stimmen wir uns eng insbesondere mit unseren benachbarten Aufgabenträgern NWL und NVR über gewünschte Änderungen im Fahrplanangebot ab.

Etwa ein Jahr vor dem Fahrplanwechsel steht das Gerüst des künftig geplanten Angebotes, dem nun noch die politischen Gremien im VRR zustimmen müssen. Schließlich übermitteln die Planer*innen diese Informationen an die EVU und bestellen somit die Leistung für das kommende Fahrplanjahr.

Präzision lautet die Devise

Im VRR sind derzeit sieben Eisenbahnverkehrsunternehmen aktiv: Abellio Rail GmbH, DB Regio AG, Keolis Deutschland GmbH und Co. KG, National Express Rail GmbH, NordWestBahn GmbH, Regiobahn Fahrbetriebsgesellschaft mbH und VIAS Rail GmbH. Neun Monate vor dem Fahrplanwechsel informieren sie die DB Netz AG als Infrastrukturbetreiber, welche Leistungen sie mit welchem Fahrzeugtyp und zu welchen Zeiten fahren möchten. Die EVU bestellen also die sogenannten „Trassen“ bei der DB Netz AG. Anschließend erstellen die Mitarbeiter*innen der DB Netz AG aus den unzähligen Trassenanmeldungen binnen 50 Tagen einen vorläufigen Netzfahrplan. So entstehen beispielsweise auch die jeweiligen minutengenauen Abfahrtszeiten aller SPNV-Linien im Verbundgebiet. Eine intelligente Software, das sogenanntes Trassenkonstruktionssystem, unterstützt die Fahrplaner*innen dabei, sämtliche Wünsche zu berücksichtigen und mögliche Konflikte zu vermeiden.

RE 42 und S 2: Trassenkonflikte wirken sich auf den Fahrplan aus

Die DB Netz AG übermittelt den vorläufigen Netzfahrplanentwurf Anfang Juli an die EVU, die die 51 Linien im VRR betreiben. Von diesem Zeitpunkt an haben die EVU einen Monat Zeit, dem Infrastrukturunternehmen eine Rückmeldung zu geben und zu prüfen, welche Trassen sie letztendlich bestellen wollen. Der finale Netzfahrplanentwurf liegt den EVU schließlich Ende August vor. Dann entscheiden sie, ob sie die Angebote der DB Netz AG annehmen oder ablehnen möchten.

Nicht immer gelingt es dabei, alle Belange zu berücksichtigen. Insbesondere die Fahrgäste auf den Linien RE 42 und S 2 spüren leider, dass andere Verkehre auf den Schienen bevorzugt behandelt wurden. Die Linie RE 42 kann beispielsweise, obwohl dies vom VRR gewünscht ist, nicht mit allen Fahrten in Sythen halten. Und die Linie S 2 verkehrt zwischen Essen Hbf und Wanne-Eickel Hbf leider nicht in einem einheitlichen Takt, das heißt die Abfahrtszeiten unterscheiden sich je Stunde um wenige Minuten.

Sonderzüge für Großveranstaltungen schließen „letzte Lücken“ im Fahrplan

Der Fußballrasen und die Mittellinie stehen im Fokus des Bildes. Im Hintergrund ist eine Zuschauertribüne zu erkennen.

Parallel dazu erhalten auch die 36 kommunalen Verkehrsunternehmen im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr den endgültigen Netzfahrplan, um ihre Bus- und Straßenbahnfahrpläne auf das SPNV-Angebot abzustimmen. Die detaillierte Planung des Fahrplans ist damit abgeschlossen. Die neuen Fahrpläne werden schließlich in die elektronischen Auskunftssysteme eingespielt und einige Tage vor dem Fahrplanwechsel an den Bahnhöfen und Stationen im Verbundgebiet ausgehangen. Im laufenden Fahrplan gibt es dann noch Sonderzüge für Großveranstaltungen wie Fußballspiele, Stadtfeste oder Weihnachtsmärkte, die zum Großteil das achte EVU im VRR – nämlich die Train Rental GmbH – erbringt. Diese zusätzlichen Züge füllen die „letzten Lücken“ im Fahrplan und haben daher keinen richtigen Taktverkehr, wie es die anderen Züge im VRR in aller Regel haben. Solche Fahrten können, sofern eine freie „Trasse“ gefunden wird, kurzfristig bestellt werden.

Klingt komplex?

Ist es auch! Sollte Ihr Zug also einmal aus für Sie unerklärlichen Gründen Verspätung haben, dann spielen dabei sehr viele Faktoren eine Rolle – die aktuelle Betriebslage, Baustellen, besondere Ereignisse und eben auch die Komplexität des Fahrplans. Den „perfekten Fahrplan“ gibt es nämlich nicht, denn jeder einzelne Fahrplan ist ein Konstrukt aus zahlreichen Wünschen, Kompromissen, Anforderungen und Einflussfaktoren.

Anabelle Halsig

Von Anabelle Halsig
Online-Redakteurin


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